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title: "Bürgergeld-Studie im Faktencheck: Was hinter der Schlagzeile von den fast 20 Prozent steckt"
description: "Eine neue Untersuchung zu Langzeit-Bürgergeldbeziehenden sorgt für aufgeregte Schlagzeilen. Doch die Zahlen erzählen eine differenziertere Geschichte als der Satz, für viele sei Arbeiten „kein Ziel“. Eine Einordnung."
category: "Inland"
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author: "David Richter"
published: 2026-06-24T09:39:40.000Z
updated: 2026-06-24T09:39:40.000Z
canonical: https://weltturm.de/artikel/buergergeld-studie-im-faktencheck-was-hinter-der-schlagzeile-von-den-fast-20-pro
tags: ["Bürgergeld", "Arbeitsmarkt", "Sozialpolitik", "Bertelsmann-Stiftung", "Jobcenter", "Faktencheck"]
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# Bürgergeld-Studie im Faktencheck: Was hinter der Schlagzeile von den fast 20 Prozent steckt

Eine neue Untersuchung zu Langzeit-Bürgergeldbeziehenden sorgt für aufgeregte Schlagzeilen. Doch die Zahlen erzählen eine differenziertere Geschichte als der Satz, für viele sei Arbeiten „kein Ziel“. Eine Einordnung.

Schlagzeilen wie „Für fast 20 Prozent ist Arbeiten kein Ziel" verbreiten sich schnell – und prägen die Debatte über das Bürgergeld stärker als die Studie, auf die sie sich berufen. Ein nüchterner Blick auf die Datenlage zeigt: Die Realität ist vielschichtiger, als die Zuspitzung nahelegt.

## Wer die Studie gemacht hat

Grundlage der Berichterstattung ist die Untersuchung „Lebenssituation und Erfahrungen von Bürgergeldbeziehenden" (LEBez). Durchgeführt haben sie das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) und das SOKO-Institut im Auftrag der [Bertelsmann-Stiftung](https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2025/buergergeldempfaenger-viele-sind-krank-die-haelfte-sucht-keinen-job-und-jobcenter-bieten-zu-wenig-stellen-an). Befragt wurden 1.006 Leistungsberechtigte im Alter von 25 bis 50 Jahren, die seit mindestens einem Jahr Bürgergeld beziehen und arbeitslos oder arbeitsuchend gemeldet sind.

Wichtig ist, was die Studie tatsächlich misst: Sie betrachtet ausdrücklich nur **Langzeitbeziehende**. Wer kürzlich Arbeit gefunden hat oder im ersten Bezugsjahr wieder aus dem System ausscheidet, taucht in dieser Auswahl gar nicht auf. Schon deshalb lässt sich aus den Ergebnissen kein Urteil über „die" Bürgergeldbeziehenden ableiten.

## Was die Zahlen wirklich sagen

Der am häufigsten zitierte Befund: 57 Prozent der Befragten hatten in den vier Wochen vor der Erhebung nicht aktiv nach einer Stelle gesucht. Die plakative Zahl von „fast 20 Prozent", für die Arbeiten „kein Ziel" sei, lässt sich in den veröffentlichten Studienergebnissen so nicht als sauberer Einzelwert wiederfinden – sie ist eine zugespitzte Lesart einzelner Antwortmuster. Entscheidend ist der Umkehrschluss, der in vielen Überschriften untergeht: Die große Mehrheit der Beziehenden möchte sehr wohl arbeiten. Wer aktuell nicht sucht, tut dies überwiegend aus nachvollziehbaren Gründen.

## Warum manche aktuell keine Arbeit suchen

Die Studie schlüsselt die Gründe differenziert auf. Mit Abstand am häufigsten genannt: **gesundheitliche Einschränkungen**. 74 Prozent der Nicht-Suchenden führen psychische oder chronische Erkrankungen an. 49 Prozent sehen schlicht **zu wenige passende Stellen**, 22 Prozent nennen **Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen**. Von einer pauschalen „Arbeitsunwilligkeit" zu sprechen, verzerrt dieses Bild. Das [IAB-Forum](https://iab-forum.de/warum-die-aktuelle-buergergelddebatte-nicht-die-richtigen-schwerpunkte-setzt/) weist zudem darauf hin, dass Jobcenter oft keine Vermittlung anbieten, weil schlicht keine passende Stelle existiert – ein erheblicher Teil der Befragten gab an, im gesamten Bezugszeitraum nie ein Stellenangebot erhalten zu haben.

## Wie viele Menschen es betrifft

Ein Blick auf die Gesamtzahlen ordnet die Debatte ein: Rund [5,3 Millionen Menschen](https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1396/umfrage/leistungsempfaenger-von-arbeitslosengeld-ii-jahresdurchschnittswerte/) beziehen Bürgergeld, davon etwa 3,9 Millionen erwerbsfähige und rund 1,4 Millionen nicht erwerbsfähige Personen – überwiegend Kinder. Gleichzeitig arbeiten Hunderttausende bereits: Rund 810.000 sogenannte Aufstocker verdienen so wenig, dass das Einkommen nicht zum Leben reicht. Etwa jeder fünfte erwerbsfähige Leistungsberechtigte ist erwerbstätig.

## Die politische Debatte

Die Ergebnisse befeuern den Streit über eine Reform. Vertreter der Union sehen sich darin bestätigt, dass Mitwirkungspflichten und Sanktionen verschärft werden müssten, um Arbeitsanreize zu stärken. Aus der SPD und von Wohlfahrtsverbänden kommt der Einwand, die Daten zeigten vor allem strukturelle Hürden – Krankheit, fehlende Betreuung, zu wenige passende Stellen –, die sich nicht durch härtere Sanktionen, sondern durch Gesundheitsförderung, Qualifizierung und bessere Vermittlung lösen ließen. Beide Seiten berufen sich auf dieselbe Studie.

## Fazit

Die Studie liefert keinen Beleg für eine breite Verweigerungshaltung, sondern ein Porträt einer Gruppe mit erheblichen gesundheitlichen und sozialen Belastungen. Die Schlagzeile von den „fast 20 Prozent" verkürzt einen komplexen Befund auf einen griffigen Vorwurf – und wird ihm damit nicht gerecht.

## Quellen

- [Bürgergeldempfänger: Viele sind krank, die Hälfte sucht keinen Job](https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2025/buergergeldempfaenger-viele-sind-krank-die-haelfte-sucht-keinen-job-und-jobcenter-bieten-zu-wenig-stellen-an)
- [Warum die aktuelle Bürgergelddebatte nicht die richtigen Schwerpunkte setzt](https://iab-forum.de/warum-die-aktuelle-buergergelddebatte-nicht-die-richtigen-schwerpunkte-setzt/)
- [Leistungsempfänger von Bürgergeld – Jahresdurchschnittswerte](https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1396/umfrage/leistungsempfaenger-von-arbeitslosengeld-ii-jahresdurchschnittswerte/)

