Ein Ticket beim Busfahrer mit Münzen und Scheinen bezahlen – in Stuttgart soll das bald der Vergangenheit angehören. Die Verkehrsbetriebe stellen auf rein bargeldlose Zahlung um. Was praktisch klingt, sorgt für eine Debatte über soziale Teilhabe.
Was sich ändert
Die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) wollen das Bargeld an Bord ihrer Busse abschaffen. Fahrgäste können Tickets beim Fahrpersonal dann nur noch bargeldlos bezahlen – per Karte oder Smartphone. Nach Kritik verschob die SSB den Start in den Juli. Wichtig: An Fahrkartenautomaten und in Verkaufsstellen bleibt die Barzahlung weiterhin möglich; betroffen ist nur der Verkauf im Bus selbst.
Die Begründung der SSB
Aus Sicht des Unternehmens ist der Schritt vor allem eine Rechenaufgabe. Bargeld macht demnach nur noch rund ein Prozent der Ticketverkäufe aus – pro Fahrt wird im Schnitt weniger als ein Ticket bar bezahlt. Durch den Wegfall der Bargeldabwicklung und kürzere Haltezeiten erwartet die SSB Einsparungen von knapp einer Million Euro pro Jahr. Die nötige Technik ist bereits vorhanden: Die Busse sind mit kontaktlosen Bezahlterminals ausgestattet.
Die Sorge der Verbände
Sozial- und Wohlfahrtsverbände sehen das kritisch. Caritas und Diakonie warnen vor einem „Digitalzwang", der Menschen ohne Bankkonto, ohne Smartphone oder ohne digitale Routine ausschließe. Digitale Angebote sollten das Bargeld ergänzen, nicht ersetzen, lautet der Tenor. Auch Seniorenvertretungen und Sozialverbände verweisen darauf, dass nicht alle Fahrgäste über die passenden Zahlungsmittel verfügen – darunter ältere Menschen, Wohnungslose oder Personen mit geringem Einkommen.
Ein Mittelweg mit offenen Fragen
Die SSB verweist auf bestehende Alternativen, etwa vergünstigte Sozialtickets und den weiterhin möglichen Barkauf an Automaten. Damit ist ein Kompromiss skizziert – doch die Grundfrage bleibt: Wie stellt eine zunehmend digitale Daseinsvorsorge sicher, dass niemand zurückbleibt? Der Stuttgarter Fall steht damit beispielhaft für eine Entwicklung, die viele Städte beschäftigt: Effizienz und Modernisierung auf der einen, Zugänglichkeit für alle auf der anderen Seite.



