Philipp Lahm hat sich selten so deutlich zur Lage des Weltfußballs geäußert. Der ehemalige DFB-Kapitän und Weltmeister von 2014 rechnet in einem Beitrag für die Wochenzeitung „Die Zeit" mit dem Kurs von FIFA-Präsident Gianni Infantino ab. Sein zentraler Vorwurf ist kompromisslos: „Die WM wird verkauft. Das raubt dem Fußball Glaubwürdigkeit."
Was Lahm konkret kritisiert
Im Mittelpunkt steht die zunehmende Kommerzialisierung des wichtigsten Turniers im Weltfußball. Besonders die Preispolitik bei der laufenden WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko stößt ihm auf. Die FIFA setzt dort auf ein dynamisches Preismodell, bei dem sich die Ticketkosten nach der Nachfrage richten. Lahm sieht darin eine bewusste Strategie der Geldmaximierung: Die FIFA maximiere die Einnahmen, „indem sie keine ehrlichen Angaben über die wahre Nachfrage macht".
Die Dimensionen sind erheblich: Während WM-Karten laut t-online bei rund 60 Dollar beginnen, kosteten reguläre Plätze für das Finale am 19. Juli im MetLife Stadium zwischenzeitlich ein Vielfaches davon. Infantino selbst verteidigt die Preise als angemessen und verweist darauf, dass jeder eingenommene Dollar in den Fußball zurückfließe. Lahm geht über die Preisfrage hinaus: Er kritisiert auch den Ausbau der Klub-WM, der den ohnehin verdichteten Spielkalender weiter belaste.
Infantinos Nähe zu Trump
Am schärfsten fällt Lahms Urteil dort aus, wo es um die politischen Verbindungen des FIFA-Chefs geht. „Am bedenklichsten ist Gianni Infantinos Nähe zu Machthabern wie Donald Trump", schreibt der frühere Bayern-Profi. Er warnt davor, dass Funktionäre „persönliche Vorteile aus ihren Ämtern" zögen und zwielichtige Figuren zunehmend Einfluss auf den Fußball nähmen. Der Hintergrund: Infantino begleitete Trump bei mehreren Anlässen und gilt als enger Vertrauter des US-Präsidenten, der die WM im eigenen Land prominent für sich nutzt.
Hintergrund: Lahm als Turnierdirektor
Lahms Stimme hat in dieser Debatte besonderes Gewicht. Der 113-malige Nationalspieler war Turnierdirektor der Heim-Europameisterschaft 2024 in Deutschland und damit selbst für die Organisation eines Großturniers verantwortlich. Schon damals stellte er Werte und das Spiel in den Vordergrund. Kritik an Infantino ist für ihn zudem kein Novum: Bereits während der umstrittenen WM 2022 in Katar hatte er der FIFA vorgeworfen, an Glaubwürdigkeit verloren zu haben.
Einordnung
Lahm gehört zu den wenigen prominenten deutschen Ex-Profis, die den Konflikt zwischen sportlichen Werten und wirtschaftlichen Interessen so offen benennen. Seine Wortwahl – „verkauft" – ist bewusst zugespitzt und zielt auf den Kern: Wenn der Zugang zur WM zur Frage des Geldbeutels wird und der Verbandschef sich politisch instrumentalisieren lässt, verliert das Turnier nach Lahms Lesart seinen verbindenden Charakter. Ob seine Kritik bei der FIFA Gehör findet, ist fraglich – Infantino hat seinen Kurs zuletzt mehrfach selbstbewusst verteidigt.



