Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) zieht nach übereinstimmenden Medienberichten die Reißleine beim größten Rüstungsvorhaben der deutschen Marine: Das Programm zum Bau der Fregatte des Typs F126 soll nicht weitergeführt werden. Zuerst hatte der „Spiegel" berichtet, andere Medien bestätigten die Pläne. Eine offizielle Bestätigung des Verteidigungsministeriums stand zum Zeitpunkt der Berichte noch aus.
Was gestoppt werden soll
Betroffen ist das Programm für die Fregatten der sogenannten Niedersachsen-Klasse (F126). Geplant waren ursprünglich vier – mit Option auf bis zu sechs – rund 166 Meter lange, weltweit einsetzbare Mehrzweckkriegsschiffe, die unter anderem auf die U-Boot-Jagd spezialisiert sind. Sie galten als künftiges Rückgrat der Überwasserflotte. Statt der F126 will Pistorius dem Bericht zufolge insgesamt acht Fregatten des Typs MEKO-200 vom deutschen Hersteller TKMS (ThyssenKrupp Marine Systems) beschaffen.
Warum das Projekt scheitert
Das 2020 bestellte Vorhaben galt seit Jahren als Sorgenkind. Als Generalunternehmer war zunächst die niederländische Werft Damen Naval beauftragt, die jedoch wiederholt Termine riss – genannt werden Finanzierungsprobleme und Bauverzögerungen. Die Auslieferung des ersten Schiffes, einst für 2028 geplant, hätte sich nach dem Planungsstand vom Mai 2025 auf frühestens 2032 verschoben. Im November entzog das Ministerium Damen den Auftrag, nachdem bereits rund zwei Milliarden Euro in das Projekt geflossen waren.
Die Kosten
Den endgültigen Ausschlag dürften die explodierenden Folgekosten gegeben haben: Berichten zufolge hätte ein neuer Bauvertrag mit der inzwischen mehrheitlich zu Rheinmetall gehörenden Werft NVL Lürssen die Marke von 15 Milliarden Euro überschritten. Die Lösung mit TKMS kalkuliert das Ministerium deutlich günstiger; der Haushaltsausschuss des Bundestages hatte bereits den Weg freigemacht, Mittel für eine Alternativplattform außerhalb der F126-Linie einzusetzen.
Reaktionen
Aus der Opposition kam Kritik. Der Marine-Berichterstatter der Union, Bastian Ernst, hatte schon zuvor einen Abbruch gefordert: „Wir sollten nicht versuchen, das Projekt mit noch mehr Geld am Leben zu erhalten." Grünen-Politiker warfen dem Minister vor, beim „Beschaffungsdesaster" zu lange zugesehen zu haben. Auf der Industrieseite geht es um Aufträge und Arbeitsplätze an norddeutschen Werften.
Einordnung
Der Vorgang fällt mitten in die „Zeitenwende", in der die Bundeswehr mit Milliarden aus dem Sondervermögen aufrüstet. Gerade deshalb wiegt das F126-Debakel schwer: Es bindet Milliarden, ohne dass ein einsatzfähiges Schiff in Sicht ist – während die Marine angesichts der Bedrohungslage in Nord- und Ostsee dringend moderne Einheiten braucht. Der Wechsel auf die erprobte MEKO-Plattform soll schneller Einsatzbereitschaft schaffen, bedeutet aber, dass die bereits investierten zwei Milliarden Euro faktisch ohne Gegenwert verbraucht wurden. Endgültige Verträge und Details – etwa die genaue Abwicklung des F126-Ausstiegs – standen zum Zeitpunkt der Berichte noch aus.



