Im Persischen Golf ist der Schiffsverkehr weitgehend zum Erliegen gekommen. Nach einer Analyse des Industrieversicherers Allianz Commercial sitzen rund 1.150 Schiffe fest – Hintergrund sind die Spannungen rund um die Straße von Hormus und schwer kalkulierbare Sicherheitsrisiken.
Was genau passiert
Die festsitzenden Schiffe und ihre Ladung werden auf einen Wert von etwa 125 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die Schiffe können das enge Seegebiet derzeit nicht verlassen, weil Reedereien, Versicherer und Behörden das Risiko für Besatzungen und Schiffe nicht verlässlich einschätzen können. Selbst bei einer Entspannung würde es nach Einschätzung der Allianz „mehrere Wochen" dauern, den Rückstau aufzulösen.
Als Auslöser gilt die jüngste Zuspitzung am Golf: Iran kündigte eine erneute Sperrung der Straße von Hormus an und begründete dies mit der Nichteinhaltung einer vereinbarten Waffenruhe. Der Konflikt steht im Zusammenhang mit einem seit Monaten andauernden Krieg zwischen den USA und dem Iran. „Die Schifffahrt ist eine Geisel dieses Konflikts", zitiert das Handelsblatt den Allianz-Schifffahrtsexperten Justus Heinrich.
Gestörte Navigation
Ein zusätzlicher technischer Faktor sind massive Störungen der Satellitennavigation. Analysten des Schifffahrtsdienstleisters Windward registrierten zeitweise mehr als 1.100 Schiffe, die binnen 24 Stunden von GPS- und AIS-Störungen betroffen waren. Auf den Brücken erscheinen dabei falsche Positionen: Tanker werden mitten über Land angezeigt, Schiffe verlieren den Überblick über Kurs und Abstand zu anderen. Fachpublikationen wie Scientific American beschreiben sogenanntes GPS-Spoofing – das Aussenden gefälschter Navigationssignale – als ernste Gefahr neben Minen, Raketen und Drohnen.
Der Kontext: Hormus als Nadelöhr
Die Straße von Hormus ist eines der wichtigsten Nadelöhre des Welthandels. Durch die Meerenge zwischen Iran und der Arabischen Halbinsel laufen normalerweise rund ein Fünftel des seewärtig gehandelten Öls sowie ein erheblicher Teil des nach Europa verschifften Flüssigerdgases. Eine echte Alternativroute auf dem Seeweg gibt es nicht. Entsprechend empfindlich reagieren die Energiemärkte: In solchen Krisen steigen die Ölpreise und vor allem die Kriegsrisiko-Prämien für Tankerpassagen deutlich, was jede Durchfahrt verteuert. Viele Reedereien meiden die Region oder fahren mit abgeschaltetem AIS-Signal.
Einordnung
Die Lage zeigt, wie verwundbar globale Lieferketten an einem einzigen geografischen Engpass sind – und wie stark die moderne Schifffahrt von störanfälliger Satellitennavigation abhängt. Wie lange der Stau anhält, ist offen und hängt vor allem von der politischen Entwicklung am Golf ab. Die genannten Schiffszahlen sind Momentaufnahmen verschiedener Akteure und sollten als Größenordnung gelesen werden, nicht als exakter Stand.



