Während weltweit über Altersgrenzen für soziale Netzwerke gestritten wird, schlägt der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) einen anderen Weg vor: Nicht die Jugendlichen sollen ausgesperrt, sondern die Plattformen sicherer gebaut werden. Das Stichwort heißt „Safety by Design".
Was Safety by Design bedeutet
Der Grundgedanke: Sicherheit und Jugendschutz werden von vornherein in die Technik und die Voreinstellungen eines Dienstes eingebaut – statt sie nachträglich aufzusetzen oder von den Nutzerinnen und Nutzern selbst zu verlangen. Schutz soll der Standard sein, nicht die Ausnahme, die man erst mühsam in den Einstellungen suchen muss. Konkret heißt das für den vzbv, dass suchtfördernde Funktionen wie endloses Scrollen und automatisch startende Videos ab Werk deaktiviert sein sollten – und zwar für alle Nutzer, nicht nur für Minderjährige.
Die Untersuchung
Die Forderung stützt sich auf einen eigenen Test. Vom 13. März bis 1. Juni 2026 prüften die Verbraucherschützer mit Testkonten fiktiver 13-Jähriger die fünf großen Plattformen Facebook, Instagram, Snapchat, TikTok und YouTube – von der Anmeldung über die Altersprüfung bis zu Voreinstellungen und Kernfunktionen. Das Ergebnis: Die Anbieter schützen Minderjährige nicht ausreichend und setzen die Vorgaben des EU-Digitaldienstegesetzes (DSA) nur unzureichend um. Altersgrenzen existierten zwar, ließen sich aber leicht umgehen.
Warum keine pauschalen Verbote
Ein pauschales Verbot – etwa kein Social Media unter 16 – hält der vzbv für den falschen Weg. „Minderjährige haben ein Recht auf sichere digitale Teilhabe. Statt sie durch ein Verbot auszuschließen, müssen Plattformen ihre Dienste sicherer gestalten", betont vzbv-Vorständin Ramona Pop. Sie kritisiert zugleich die Geschäftsmodelle, die „darauf abzielen, Minderjährige möglichst lange online zu halten" – auf Kosten ihrer Gesundheit.
Welche Maßnahmen gefordert werden
Neben sicheren Voreinstellungen verlangt der vzbv ein Ende des manipulativen Designs: Sogenannte Dark Patterns – Tricks, die Nutzer zu bestimmten Entscheidungen drängen – sollen verboten werden. In der Untersuchung ließen sich etwa personalisierte Empfehlungen nur schwer abschalten. Die EU-Kommission solle die DSA-Vorgaben zum Schutz Minderjähriger konkretisieren und im geplanten Digital Fairness Act verbindliche Regeln gegen suchtfördernde Mechanismen schaffen.
Der Kontext: international harte Verbote
Die Debatte läuft weltweit. Australien hat als Vorreiter Ende 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige in Kraft gesetzt; auch mehrere europäische Länder diskutieren Altersgrenzen. Kritiker solcher Verbote argumentieren, starre Grenzen könnten den Jugendschutz sogar verschlechtern: Wer ausgesperrt wird, weicht auf unregulierte Kanäle aus, verliert Beratungs- und Hilfsangebote und übt keinen kompetenten Umgang.
Einordnung
„Safety by Design" verschiebt die Verantwortung dorthin, wo die Schutzlücken entstehen: in die Produktgestaltung. Dass freiwillige Selbstregulierung der Plattformen bislang nicht ausreicht, belegt die vzbv-Untersuchung selbst. Ob die EU diesen Ansatz im Digital Fairness Act verbindlich verankert, dürfte über seine Durchschlagskraft entscheiden.



