Spinnen sind Meister des Fangens – doch eine Art aus dem nordaustralischen Regenwald treibt diese Kunst auf die Spitze. Statt geduldig auf Beute zu warten, baut sie eine regelrechte Wurfmaschine, die einzelne Ameisen mit hohem Tempo in ihr Netz schleudert. Das berichtet ein internationales Forschungsteam, dessen Arbeit das Magazin Spektrum der Wissenschaft aufgegriffen hat (spektrum.de).
Die „Ballista-Spinne“ und ihre Beute
Bei der Spinne handelt es sich um eine Art der Gattung Propostira aus der Familie der Kugelspinnen (Theridiidae), wegen ihrer Schleudertechnik auch „Ballista-Spinne“ genannt – in Anlehnung an die antike Wurfmaschine. Beobachtet wurde sie im tropischen Regenwald von Queensland, Australien.
Ihre Beute ist hochspezialisiert: In sämtlichen dokumentierten Fangereignissen erwischte die Spinne ausschließlich Arbeiterinnen der Grünen Weberameise (Oecophylla smaragdina). Diese Ameisen sind groß, aggressiv und über ihren kräftigen Biss gut verteidigt – für die meisten Spinnen eine gefährliche, eher gemiedene Beute.
Wie der Katapult-Mechanismus funktioniert
Der Trick steckt in der Konstruktion der Falle, an der die Spinne stundenlang baut. Von ihrem zentralen Netz spannt sie mehrere lange Seidenfäden hinunter zu einer Oberfläche – etwa einem Ast oder Blatt. Kurz über dem Befestigungspunkt bündelt sie diese Fäden zu einem kleinen Kegel. Durch das geschickte Anordnen vorgespannter Fäden speichert die Seide elastische Energie wie eine geladene Feder.
Gerät eine Weberameise an diesen Kegel und beißt hinein, löst genau dieses Verteidigungsverhalten den Auslöser: Der Kegel reißt sich von der Oberfläche los und schnellt samt anhängender Ameise nach oben ins zentrale Fangnetz. Laut den Messungen erreicht das System dabei Geschwindigkeiten von bis zu 4,4 Metern pro Sekunde. Die Beute wird so blitzschnell von ihren Artgenossinnen isoliert, ehe sie sich wehren oder Hilfe holen kann.
Warum das besonders ist
Die Falle ist nicht nur schnell, sondern auch wählerisch. Andere Ameisenarten lösten den Mechanismus den Beobachtungen zufolge nicht aus. Damit hätte sich hier eine extrem enge evolutionäre Anpassung an eine einzige, eigentlich wehrhafte Beuteart entwickelt: Die Spinne nutzt das aggressive Bissverhalten der Ameise als Selbstauslöser ihrer eigenen Falle.
Forschung und Veröffentlichung
An der Studie beteiligt war unter anderem der Verhaltensbiologe Jonas Wolff, der an der Universität Greifswald forscht, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Australien. Für die Untersuchung beobachtete das Team die Tiere über mehrere Tage und Nächte mit Hochgeschwindigkeits- und Infrarotkameras. Die Arbeit mit dem Titel „Ballistic high-powered spider webs overcome dangerous prey defenses“ wurde 2026 im Fachjournal Current Biology veröffentlicht; die zugehörigen Messdaten sind über das Repositorium Dryad zugänglich.
Für Materialforschende ist der Fall mehr als eine zoologische Kuriosität: Ein biologischer Federmechanismus, der mit minimalem Materialeinsatz enorme Beschleunigungen erzeugt, könnte als Vorbild für bionische Aktuatoren dienen.



