Pünktlich zu großen Turnieren greifen viele Fans zum Nationaltrikot – und zahlen dafür rund 100 Euro. Doch wofür eigentlich? Eine genauere Betrachtung der Kosten fördert ein erstaunliches Missverhältnis zutage.

Wohin die 100 Euro fließen

Wie sich ein solcher Preis zusammensetzt, lässt sich nur grob schätzen; die Hersteller legen ihre Kalkulation nicht offen. Einer häufig zitierten Beispielrechnung zufolge entfällt der größte Brocken auf den Einzelhandel – rund 40 Euro. Ein gutes Stück bleibt beim Sportartikelhersteller als Gewinn, weitere Anteile gehen in Marketing und Vertrieb. Der Staat kassiert die Mehrwertsteuer von rund 16 Euro, und auch der Verband selbst verdient mit: über eine Lizenzgebühr von einigen Euro je Trikot.

Auffällig ist, was am Ende der Kette übrig bleibt: Auf die eigentliche Produktion – Material, Nähen, Transport – entfällt nur etwa ein Zehntel des Verkaufspreises. Der weitaus größere Teil ist Aufschlag für Marke, Handel und Steuer.

Genäht für wenig Geld

Produziert werden die Trikots überwiegend in asiatischen Ländern, häufig in Bangladesch. Dort liegt der gesetzliche Mindestlohn in der Textilindustrie nach Angaben von Arbeitsrechtsorganisationen bei umgerechnet etwa 100 Euro im Monat. Das verdeutlicht das Gefälle: Was eine Näherin in einem Monat verdient, entspricht in etwa dem Verkaufspreis eines einzigen Trikots. Hilfsorganisationen wie die Kampagne für Saubere Kleidung sprechen von Löhnen, die zum Leben kaum reichen, und kritisieren erzwungene Überstunden.

Ein bekanntes Muster

Das Trikot ist dabei kein Einzelfall, sondern steht für die Logik der globalen Bekleidungsproduktion: Große Marken geben niedrige Einkaufspreise vor, der Wertzuwachs entsteht vor allem in den Absatzmärkten. Initiativen wie die Fair Wear Foundation fordern seit Langem höhere Standards und existenzsichernde Löhne. Solange Marken und Handel ihre Spannen aber nicht antasten, bleibt das Verhältnis schief.

Was Verbraucher tun können

Wer beim Kauf ein gutes Gewissen möchte, hat begrenzte, aber reale Optionen: auf Siegel und Lieferketten-Transparenz achten, Kleidung länger tragen, Secondhand kaufen. Das ändert das System nicht über Nacht. Doch je mehr Konsumenten nachfragen, wohin ihr Geld fließt, desto größer wird der Druck auf Hersteller, fairer zu kalkulieren. Das 100-Euro-Trikot ist insofern auch eine kleine Lektion in Sachen Wertschöpfung – und darin, wer sie sich aneignet.