Auf den ersten Blick scheinen sich zwei Nachrichten zu widersprechen: Die Welt verfeuert mehr fossile Energie als je zuvor – und gleichzeitig erlebt der klimafreundliche Umbau einen Rekord nach dem anderen. Beides stimmt. Und der Widerspruch ist nur ein scheinbarer.
Der Rekord, der nachdenklich macht
Zunächst die ernüchternde Seite. Nach Daten des Energy Institute erreichte der weltweite Verbrauch von Öl, Gas und Kohle zuletzt erneut Höchstwerte, und mit ihm die Treibhausgas-Emissionen. Fossile Energieträger decken demnach weiterhin den weitaus größten Teil des globalen Energiebedarfs – ihr Anteil liegt bei rund 80 bis 85 Prozent. Wer auf die absoluten Mengen schaut, sieht von einer Energiewende also wenig.
Die Wende, die im Wachstum steckt
Doch der Blick auf die Zuwächse erzählt eine andere Geschichte. Entscheidend ist nicht nur, wie viel fossile Energie insgesamt verbraucht wird, sondern woher das zusätzliche Wachstum kommt. Und hier haben die Erneuerbaren die Führung übernommen: Den Berichten der Internationalen Energieagentur zufolge stammt der größte Teil des jüngsten Nachfragezuwachses inzwischen aus Sonnenenergie – noch vor Erdgas. Solar- und Windkraft werden weltweit so schnell zugebaut wie nie. Besonders die Photovoltaik ist zur am schnellsten wachsenden Stromquelle geworden.
Erneuerbare überholen die Kohle
Ein Wendepunkt zeigt sich beim Strom. Nach einer Auswertung der Denkfabrik Ember lieferten erneuerbare Quellen 2025 erstmals mehr Strom als die Kohle – ein symbolträchtiger Moment nach mehr als einem Jahrhundert Kohledominanz. Selbst große Schwellenländer, die bislang als Treiber des Kohlestroms galten, bauen ihre Solar- und Windkapazitäten inzwischen so schnell aus, dass die fossile Stromerzeugung dort zeitweise zurückging.
Warum beides gleichzeitig wahr ist
Wie lässt sich der Rekord beim Fossilen mit dem Boom der Erneuerbaren vereinbaren? Die Antwort ist im Kern simpel: Der globale Energiehunger wächst weiter – durch die Entwicklung in Schwellenländern, durch die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme und durch neue Stromfresser wie Rechenzentren. Solange der Gesamtbedarf schneller steigt, als die Erneuerbaren ihn allein decken können, wächst auch der Verbrauch fossiler Energie in absoluten Zahlen – selbst wenn ihr Anteil sinkt.
Hoffnung mit Vorbehalt
Für das Klima ist das ein zweischneidiger Befund. Die schlechte Nachricht: Die absoluten Emissionen sind noch nicht gebrochen. Die gute: Der Trend zeigt klar in eine Richtung, und er beschleunigt sich. Damit aus der relativen eine absolute Wende wird, müssten die Erneuerbaren den gesamten Mehrbedarf decken – und darüber hinaus das Fossile ersetzen. Davon ist die Welt noch entfernt. Aber zum ersten Mal seit Langem wirkt dieses Ziel weniger wie eine Utopie und mehr wie eine Frage des Tempos.



