Deutschland will für die Zeit nach dem Kohleausstieg vorsorgen und setzt dabei auf Gas. Der Bund bereitet die Ausschreibung großer neuer Kraftwerkskapazitäten vor, wie Clean Energy Wire berichtet. Möglich wurde das, nachdem sich Berlin und die EU-Kommission über die beihilferechtlichen Fragen verständigt hatten.

Was beschlossen wurde

Kurzfristig sollen zwölf Gigawatt zusätzliche, steuerbare Leistung ausgeschrieben werden. Davon entfallen zehn Gigawatt auf neue Kraftwerke, die über längere Zeiträume durchgehend Strom liefern können, in der Praxis vor allem Gaskraftwerke. Diese Anlagen sollen bis 2031 in Betrieb gehen. Weitere Ausschreibungen sind für 2027 sowie 2029/2030 vorgesehen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche spricht davon, mit den Ausschreibungen „das Fundament für eine sichere Stromversorgung" zu legen.

Wozu die Kraftwerke dienen

Der Gedanke dahinter: Wenn Sonne und Wind wenig liefern, in sogenannten Dunkelflauten, braucht das Stromsystem schnell verfügbare, regelbare Erzeugung. Gaskraftwerke lassen sich rasch hoch- und wieder herunterfahren und können solche Lücken überbrücken. Sie sind als Absicherung gedacht, nicht für den Dauerbetrieb: Je weiter die erneuerbaren Energien ausgebaut sind, desto seltener sollen sie einspringen müssen.

Der Wasserstoff-Vorbehalt

Ein zentraler Punkt: Alle neu gebauten Gaskraftwerke müssen „wasserstofffähig" sein und spätestens bis 2045 auf klimafreundlichen Betrieb umgestellt werden. Konkret sollen zwei Gigawatt bis 2040 und weitere zwei Gigawatt bis 2043 auf Wasserstoff umrüsten, die dafür nötigen Förderausschreibungen beginnen 2027. So soll der Widerspruch aufgelöst werden, kurzfristig neue fossile Kraftwerke zu bauen und zugleich die Klimaziele einzuhalten.

Wird der Strom jetzt teurer?

Das ist die Frage, die viele Verbraucher umtreibt. Kraftwerke, die die meiste Zeit nur bereitstehen und selten laufen, rechnen sich für Betreiber allein über den Strommarkt kaum. Deshalb wird der Staat den Bau und die Bereitschaft fördern, und diese Kosten dürften am Ende über Umlagen oder Netzentgelte bei den Stromkunden landen, wie die WirtschaftsWoche darlegt. Wie hoch die Belastung ausfällt, ist offen; die kursierenden Schätzungen gehen auseinander und hängen davon ab, wie oft die Anlagen tatsächlich gebraucht werden.

Die Kritik

Umweltverbände und Teile der Opposition sehen in dem Programm eine neue, teure Abhängigkeit von fossilem Gas und warnen vor den Kosten. Andere halten die Reserve für unverzichtbar, um die Versorgung in einem zunehmend von Wind und Sonne geprägten System stabil zu halten. Der Streit ist damit nicht beendet: Er verlagert sich nun auf die konkrete Ausgestaltung der Ausschreibungen und die Frage, wer die Rechnung trägt.