Kaum eine sozialpolitische Maßnahme ist so umstritten wie die „Rente mit 63". Eine neue Analyse legt nun Zahlen vor, was ihre Abschaffung dem Staat und dem Arbeitsmarkt brächte – und liefert damit neuen Stoff für eine alte Debatte.

Worum es geht

Hinter dem Schlagwort „Rente mit 63" steht die Altersrente für besonders langjährig Versicherte: Wer 45 Beitragsjahre vorweisen kann, darf derzeit rund zwei Jahre vor dem Regelrentenalter abschlagsfrei in den Ruhestand gehen. Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) durchgerechnet, welche Folgen ein Ende dieser Regelung hätte.

Die Zahlen

Das Ergebnis fällt deutlich aus. Pro Rentnerjahrgang ließen sich demnach rund 9,5 Milliarden Euro für die öffentlichen Kassen einsparen; die gesetzliche Rentenversicherung allein würde um etwa 10,4 Milliarden Euro je Jahrgang entlastet. Zugleich stünden dem Arbeitsmarkt rechnerisch rund 125.000 zusätzliche Vollzeitkräfte zur Verfügung – weil die Betroffenen im Schnitt etwa zehn Monate länger arbeiten würden.

Wie stark die Regelung genutzt wird, zeigen weitere Werte: Jährlich gehen zwischen 250.000 und 280.000 Menschen über diesen Weg vorzeitig in Rente. Das ist rund ein Drittel aller Neurentner und macht etwa ein Fünftel der gesamten Ausgaben der Rentenversicherung aus. Die „Rente mit 63" ist also kein Randphänomen, sondern ein erheblicher Kostenblock.

Die soziale Kehrseite

So eindeutig die Zahlen wirken, so heikel ist ihre politische Übersetzung. Denn die abschlagsfreie Frührente trifft eine Gruppe, die früh ins Erwerbsleben eingestiegen ist und lange eingezahlt hat – darunter viele in körperlich harten Berufen: Pflege, Bau, Industrie, Handwerk. Wer jahrzehntelang schwer gearbeitet hat, kann oft nicht einfach zwei Jahre länger durchhalten. Eine pauschale Abschaffung würde damit ausgerechnet jene treffen, die der Sozialstaat eigentlich schützen will.

Befürworter halten dagegen, dass die Regelung ursprünglich für Härtefälle gedacht war, inzwischen aber breit genutzt wird – auch von Menschen, die durchaus weiterarbeiten könnten. Angesichts des Fachkräftemangels und einer alternden Gesellschaft wachse der Druck, das vorhandene Arbeitskräftepotenzial länger zu nutzen.

Eine politische Gratwanderung

Die Analyse liefert kein fertiges Rezept, sondern markiert das Spannungsfeld: hier die finanzielle Entlastung einer unter Druck stehenden Rentenkasse, dort der soziale Anspruch, lange Erwerbsbiografien und harte Arbeit zu honorieren. Wer die Frührente abschaffen oder umbauen will, wird kaum um differenzierte Übergänge und Härtefallregelungen herumkommen. Die Zahlen sind das eine – die gesellschaftliche Akzeptanz das andere.