Ein Konzert zwischen Alten Meistern
Es ist eine Kulisse, die selbst für einen Weltstar ungewöhnlich ist: Statt Stadion oder Festivalbühne wählte Sting für seinen jüngsten Auftritt einen Saal des Amsterdamer Rijksmuseums – umgeben von Gemälden Rembrandts, Vermeers und Judith Leysters. Daraus ist nun ein doppeltes Werk entstanden: das Live-Album und der Konzertfilm „The Night Watch: Live at the Rijksmuseum".
Gedreht wurde der Abend für die Arte-Reihe „Sounds Like Art", die Musikerinnen und Musiker in Museumsräume holt. Begleitet wurde Sting allein von seinem langjährigen Gitarristen Dominic Miller. Für den Anlass spielte er eine seltene Gitarre aus dem 17. Jahrhundert. Der Titel verweist auf Rembrandts berühmte „Nachtwache", die zentrale Ikone des Hauses.
„Songs sind lebende Dinge“
Das Setting hätte zur Andacht verleiten können, doch Sting nutzte es für das Gegenteil. Statt seine Hits originalgetreu abzuspielen, deutete er sie in minimalistischen, fast kammermusikalischen Arrangements neu – Police-Klassiker, Solo-Stücke und Lieder aus seinem Musical „The Last Ship".
Im Interview begründet er diese Haltung programmatisch: Es sei nicht sein Job, einfach etwas zu reproduzieren, das er vor 40 Jahren aufgenommen habe. Songs seien für ihn lebende Dinge, die bei jeder Aufführung neu entdeckt werden müssten. Den Vergleich zieht er zur Welt des Jazz, in der Standards von jeder Generation neu interpretiert werden. Für Sting ist das kein nostalgischer Rückblick, sondern die fortlaufende Befragung des eigenen Werks.
Vom Police-Frontmann zum Grenzgänger
Diese Lust an der Neudeutung zieht sich durch Stings Laufbahn. Mit der Band The Police wurde der 1951 bei Newcastle geborene Gordon Sumner Ende der 1970er zum Weltstar – mit Welthits wie „Roxanne" und „Every Breath You Take". Nach der Trennung des Trios 1984 begann eine Solokarriere, die bewusst aus dem Pop-Korsett ausbrach: Jazz, die Lautenmusik des Renaissance-Komponisten John Dowland, Orchesterprojekte und das Musical „The Last Ship" über die Werften seiner Heimat.
Einordnung
Der Rijksmuseum-Auftritt fügt sich in diese Linie ein – und in einen breiteren Trend, Pop in Museen und Hochkulturräume zu verpflanzen. Der Konzertfilm lief zuerst über Arte, das physische Album folgt auf CD und Vinyl. Dass ein über 70-Jähriger sein eigenes Repertoire lieber befragt als konserviert, ist die eigentliche Pointe des Projekts: Wer im Museum spielt, muss kein Museumsstück werden.



