Der lange, heiße Sommer hat eine Nebenwirkung, die man von der Straße aus kaum sieht: Deutschlands wichtigste Wasserstraße wird flacher. Anhaltende Trockenheit und wenig Regen lassen die Pegel am Rhein sinken – und je weiter das Wasser fällt, desto nervöser blicken Reedereien und Industrie auf die Messlatten am Ufer.

Warum der Pegel Kaub so wichtig ist

Der entscheidende Ort heißt Kaub, eine enge Passage im Mittelrhein zwischen Bingen und Sankt Goar. Der dortige Pegel gilt als Richtwert für die gesamte Rheinschifffahrt. Als kritische Marke nennen Fachleute rund 77 Zentimeter: Fällt der Wert über längere Zeit darunter, stockt der Nachschub für Teile der deutschen Industrie.

Wichtig zum Verständnis: Der Pegelwert ist nicht die tatsächliche Wassertiefe der Fahrrinne, sondern ein Bezugswert. Aber er zeigt zuverlässig an, wie viel Spielraum die Schiffe noch haben – und der wird bei Niedrigwasser schnell knapp.

Weniger Ladung, mehr Fahrten

Für die Binnenschifffahrt bedeutet Niedrigwasser vor allem eines: Die Schiffe dürfen nicht mehr voll beladen fahren, weil sie sonst auf Grund liefen. Sie nehmen also weniger Fracht mit – und dieselbe Menge muss auf mehr Fahrten verteilt werden. Ein Hafenmeister brachte es im ZDF so auf den Punkt: Was heute ein Schiff mit 3.000 Tonnen liefere, schafften bei Niedrigwasser womöglich erst drei Schiffe mit je 1.000 Tonnen.

Das treibt die Kosten. Reedereien erheben bei niedrigen Ständen einen Kleinwasserzuschlag, die Transporte werden teurer und langsamer. Am Ende landet ein Teil dieser Kosten bei den Industriebetrieben, die auf den Wasserweg angewiesen sind – und damit indirekt bei den Verbrauchern.

Kohle, Chemie, Kraftstoffe

Besonders empfindlich reagieren Branchen, die große Mengen Massengut über den Rhein bewegen: Kraftwerke, die auf Kohle-Lieferungen setzen, die Chemieindustrie mit ihren Rohstoffen und der Transport von Mineralölprodukten wie Heiz- und Kraftstoffen. Wenn hier der Nachschub ins Stocken gerät, kann das bis in die Produktion und an die Zapfsäule durchschlagen.

Der Schatten von 2018

Wie ernst die Lage werden kann, hat das Jahr 2018 gezeigt. Damals fiel der Rhein nach einem trockenen Sommer im Herbst auf einen historischen Tiefstand, Lieferketten gerieten durcheinander, einzelne Werke mussten ihre Produktion drosseln. Fachleute verweisen darauf, dass ähnlich niedrige Stände zuletzt schon früher im Jahr auftraten als früher üblich – ein Muster, das zum wärmer werdenden Klima passt.

Noch ist offen, wie sich der Sommer entwickelt: Kräftige Niederschläge im Einzugsgebiet könnten die Lage rasch entspannen. Bleibt der Regen jedoch aus, wird aus dem stillen Absinken der Pegel schnell ein handfestes wirtschaftliches Problem – eines, das Deutschland mit jedem heißen Sommer besser kennenlernt.