Manchmal sind es die Projekte, die nie fertig wurden, die am meisten erzählen. Der Cross Florida Barge Canal ist so ein Fall: ein Kanal, der das halbe Florida durchschneiden sollte – und auf halbem Weg stehen blieb.
Die Vision
Die Idee war alt. Schon in der Kolonialzeit träumten Seefahrer davon, sich die gefährliche und lange Fahrt um die Südspitze Floridas zu sparen. Im 20. Jahrhundert nahm der Plan Gestalt an: In den 1930er-Jahren begannen erste Arbeiten, auch als Beschäftigungsprogramm in der Weltwirtschaftskrise. 1964 bewilligte die US-Regierung unter Präsident Lyndon B. Johnson die Mittel für einen modernen Kanal von rund 172 Kilometern Länge, gedacht vor allem für flache Lastkähne. Die Route sollte Flüsse und Seen quer über die Halbinsel verbinden und Schiffen mehrere Tage Fahrzeit ersparen.
Der Widerstand
Doch während die Bagger rollten, wuchsen die Zweifel. Die aufkeimende Umweltbewegung – befeuert durch Bücher wie Rachel Carsons „Silent Spring" – stellte unbequeme Fragen. Im Zentrum stand die Sorge um den Floridan-Aquifer, das riesige Grundwasserreservoir, aus dem ein Großteil Floridas sein Trinkwasser bezieht. Der Kanal, so die Befürchtung, könnte das empfindliche Gleichgewicht stören und auch den naturnahen Oklawaha-Fluss zerstören. Eine treibende Kraft des Protests war die Zoologin Marjorie Harris Carr, die 1969 mit Mitstreitern eine Umweltschutzorganisation gründete und wissenschaftliche Gutachten gegen das Projekt zusammentrug.
Der Stopp
Der Widerstand hatte Erfolg. Anfang 1971 erwirkten die Gegner eine gerichtliche Verfügung, und kurz darauf stoppte Präsident Richard Nixon das Vorhaben. Da waren bereits beträchtliche Summen verbaut und nur ein Bruchteil der Strecke fertig. 1990 wurde das Projekt endgültig aufgegeben. Für die damalige Zeit war das bemerkenswert: Umweltschutz hatte sich gegen ein gewaltiges Infrastrukturvorhaben durchgesetzt – ein frühes Lehrstück.
Das grüne Erbe
Was blieb, ist erstaunlich versöhnlich. Der Landstreifen, der einst Lastkähne tragen sollte, wurde zu einem Naturschutz- und Erholungskorridor, dem heutigen „Marjorie Harris Carr Cross Florida Greenway". Wo Schiffe fahren sollten, wandern und radeln nun Menschen durch Wälder und entlang von Flüssen. Der nie vollendete Kanal ist so zum Denkmal geworden – nicht für das, was gebaut wurde, sondern für das, was verhindert werden konnte.



