Ein gewaltiges Tier in einem viel zu kleinen Meer: Erneut hat sich ein Buckelwal in die Ostsee verirrt. Die Fachwelt blickt mit Sorge auf seinen Weg.

Ein Riese im falschen Revier

Der Wal, von Beobachtern Hartwin getauft, wurde im Bereich der dänischen Belte gesichtet, von wo aus er sich Richtung Ostsee bewegt. Buckelwale gehören dorthin nicht hin: Sie sind Tiere der offenen Ozeane und ziehen zwischen warmen Paarungsgebieten und nahrungsreichen, kühlen Meeren hin und her. Die Ostsee dagegen ist für sie eine biologische Sackgasse – flach, salzarm und mit zu wenig Nahrung, um einen so großen Körper zu versorgen. Hinzu kommt: Tiere, die einmal hineingeraten sind, finden den Weg zurück meist nicht.

Warum verirren sich Wale hierher?

Wie Hartwin in die Ostsee geriet, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die naheliegendste Erklärung: Der Wal folgte Fischschwärmen, die zeitweise aus der Nordsee einwandern. Diskutiert werden auch andere Faktoren, etwa Unterwasserlärm, der die Orientierung der Tiere stört, oder allgemeiner Veränderungen in den Meeren, die Beutetiere und damit auch ihre Jäger an ungewohnte Orte führen. Sicher ist nur: Solche Irrwege sind kein gutes Zeichen.

Eine ungünstige Prognose

Für Hartwin sind die Aussichten schlecht. Das Tier soll bereits sichtbare Hautveränderungen zeigen, wie sie bei geschwächten Walen auftreten. Fachleute rechnen damit, dass der Wal in der nahrungsarmen Ostsee weiter abmagert und die kritische Lage über kurz oder lang nicht übersteht – sei es durch Entkräftung oder durch eine Strandung. Es ist eine nüchterne, aber ehrliche Einschätzung, die auf Erfahrung beruht.

Das Schicksal von Timmy

Denn der Fall erinnert an einen anderen Wal, der die Region zuvor bewegt hatte: Timmy, der sich Anfang des Jahres in die südwestliche Ostsee verirrt und wiederholt in flachen Buchten festgesessen hatte. Helfer unternahmen eine aufwendige Aktion, um das Tier wieder in Richtung offener See zu bringen, und versahen es mit einem Sender. Doch die Rettung scheiterte: Wenig später wurde Timmy tot aufgefunden. Sein Beispiel zeigt, wie schmal der Grat zwischen Hoffnung und Tragik ist – und dass selbst großer Aufwand kein Garant für ein gutes Ende ist.

Mehr als ein Einzelfall

So sehr das Schicksal eines einzelnen Wals berührt: Solche Irrfahrten sind auch ein Symptom. Überfischung, Lärm und der Klimawandel verändern die Meere und bringen Tiere an Orte, auf die sie nicht eingestellt sind. Hartwin ist damit nicht nur ein verlorener Riese, sondern ein stiller Bote für ein Ökosystem unter Druck. Beobachten lässt er sich noch – helfen kaum.