Das Herz als Richter über Leben und Tod

Wer im alten Ägypten starb, musste sich einer Prüfung unterziehen, die radikaler kaum sein konnte: Im sogenannten Totengericht, beschrieben im ägyptischen Totenbuch, wurde das Herz des Verstorbenen auf einer Waage gegen die Feder der Göttin Maat – Symbol für Wahrheit und Gerechtigkeit – aufgewogen. War das Herz schwerer als die Feder, hatte der Mensch ein lasterhaftes Leben geführt; ein Mischwesen verschlang es, und die Existenz im Jenseits war verwirkt. Hielt die Waage das Gleichgewicht, durfte der Tote eintreten.

Der Grund für dieses Ritual lag in einer tief verwurzelten Überzeugung: Das Herz galt als Sitz von Verstand, Erinnerung und Moral. Es war nicht bloß ein Pumporgan, sondern der eigentliche Kern des Menschen. Deshalb blieb das Herz bei der Mumifizierung als einziges großes inneres Organ im Körper – die übrigen wurden entnommen und gesondert verwahrt.

Aristoteles gegen Hippokrates: ein früher Streit ums Gehirn

Diese herzzentrierte Weltsicht war nicht auf Ägypten beschränkt. In vielen Kulturen der Antike galt das Herz als Ursprung von Bewusstsein, Gefühl und Willen. Der griechische Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) formulierte diese Vorstellung am systematischsten: Auf Grundlage seiner Beobachtungen hielt er das Herz für das Zentrum aller Empfindung und Bewegung. Dem Gehirn wies er vor allem die Aufgabe zu, das vom Herzen erhitzte Blut zu kühlen.

Schon zu seiner Zeit gab es jedoch Widerspruch. Auf den hippokratischen Autor der Schrift „Über die heilige Krankheit" geht die geradezu moderne Gegenposition zurück, dass allein das Gehirn Quelle von Freude und Lachen ebenso wie von Kummer und Tränen sei. Damit wurde das Gehirn zum Sitz der seelischen Vorgänge erklärt – damals keineswegs selbstverständlich.

Den entscheidenden Nachweis lieferte später der Arzt Galen von Pergamon (ca. 129–216 n. Chr.). Durch anatomische Studien an Nerven zeigte er, dass Empfindung und Bewegung vom Gehirn und vom Rückenmark ausgehen. Galens Erkenntnisse prägten die abendländische Medizin für mehr als ein Jahrtausend.

Warum das Herz trotzdem gewann

Der Sieg der „Gehirn-These" blieb dennoch ein halber. Im Mittelalter verbanden sich medizinische Lehre und religiöse Symbolik: Das Gehirn galt als Organ des Denkens, das Herz aber blieb das Sinnbild von Glaube, Liebe und Seele. In der höfischen Dichtung wurde das Herz vollends zum Ort der romantischen Liebe.

Die endgültige anatomische Klarstellung kam 1628, als William Harvey nachwies, dass das Herz eine Pumpe im Blutkreislauf ist – eine Muskelmaschine ohne Bewusstseinsfunktion. Die Sprache aber kümmerte sich nicht um Harvey.

„Herzschmerz" – ein Wort, das die Wissenschaft überlebte

Sprache ist beständiger als Wissenschaft. Wendungen wie das Herz brechen, jemandem sein Herz schenken oder etwas auswendig lernen (englisch to learn by heart) sind in vielen europäischen Sprachen verankert. Sie stammen aus einer Zeit, in der die körperliche Empfindung – das Hämmern bei Angst, die Enge bei Trauer, das Rasen bei Verliebtheit – als Beweis galt, dass die Gefühle dort zu Hause seien.

Ganz unrecht hatten die Alten dabei nicht. Das Herz besitzt ein eigenes Geflecht aus Nervenzellen – nach Angaben der modernen Forschung rund 40.000 –, das über den Vagusnerv mit dem Gehirn in ständigem Austausch steht. Die uralte Ahnung, dass Herz und Gefühl zusammenhängen, war also nicht falsch – nur die Richtung war eine andere: Das Herz denkt nicht, aber es schlägt im Takt dessen, was wir fühlen.