Ein Meer aus 60 Millionen Sternen
Es ist ein Bild, das das Auge schlicht überfordert: Im dicht gedrängten Zentrum der Milchstraße funkeln auf der neuen, an diesem Dienstag veröffentlichten Aufnahme des ESA-Teleskops Euclid mehr als 60 Millionen Sterne, dazu Nebel und Sternhaufen. Es ist nach Angaben der Europäischen Weltraumorganisation die größte und detailreichste Aufnahme des galaktischen Zentrums, die je im sichtbaren Licht gemacht wurde.
Aufgenommen wurde das Panorama am 23. März 2025 in nur rund 26 Stunden. Es setzt sich aus neun einzelnen Beobachtungen der Weitwinkel-Sichtlichtkamera VIS zusammen – jede davon deckt ein Stück Himmel ab, das größer ist als der Vollmond. Zum Vergleich: Jede dieser Einzelaufnahmen erfasst eine Fläche, die rund 270-mal größer ist als das Blickfeld des Hubble-Teleskops. Das bodengebundene Keck-Observatorium bräuchte für dasselbe Mosaik etwa 2000 Stunden.
Warum Euclid in die Sterndichte schaut
Das grelle Zentrum, der sogenannte galaktische Bulge, ist eigentlich kein typisches Ziel für Euclid. Doch genau diese Sternfülle macht die Region zum idealen Jagdgrund für Exoplaneten. Über die Methode des Mikrolinseneffekts – winzige Helligkeitsänderungen, wenn ein Stern vor einem anderen vorbeizieht – lassen sich Massen ferner Planeten bestimmen. Allein in dieser Aufnahme identifizierten Forschende 51 bereits bekannte Planetensysteme.
Was Euclid eigentlich sucht
Ihre eigentliche Mission liegt im Verborgenen. Euclid soll die „dunkle Seite" des Kosmos kartieren: Dunkle Materie und Dunkle Energie, die zusammen rund 95 Prozent des Universums ausmachen, sich aber bislang jedem direkten Nachweis entziehen. Dazu erstellt das Teleskop die größte 3D-Karte des Universums, die je angefertigt wurde – mit mehr als 1,5 Milliarden Galaxien über etwa ein Drittel des gesamten Himmels und bis in Entfernungen von rund zehn Milliarden Lichtjahren.
Die zentrale Frage dahinter: Warum dehnt sich das Universum nicht nur aus, sondern tut dies sogar beschleunigt? Indem Euclid die Verteilung der Galaxien über kosmische Zeiträume vermisst, wollen Forschende rekonstruieren, wie sich der Einfluss der Dunklen Energie über Milliarden Jahre verändert hat.
Zwei Augen für den Kosmos
Möglich macht das ein 1,2-Meter-Spiegel mit zwei Instrumenten: die Sichtlichtkamera VIS für gestochen scharfe Galaxienformen und das Nahinfrarot-Instrument NISP, das Entfernungen und damit die dritte Dimension der Karte liefert. Beobachtet wird vom Lagrange-Punkt L2, rund 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, wo die Schwerkraft von Sonne und Erde einen stabilen, störungsarmen Aussichtspunkt schafft.
Stand der Mission
Euclid startete am 1. Juli 2023 an Bord einer SpaceX-Falcon-9. Die ersten Farbbilder folgten im November 2023, der reguläre Wissenschaftsbetrieb begann im Februar 2024. Inzwischen hat das Teleskop einen wachsenden Teil seiner geplanten Himmelsfläche erfasst; ein erstes Deep-Field-Release zeigte bereits Millionen Galaxien aus nur einer Woche Beobachtung. Bis zum Ende der auf sechs Jahre angelegten Hauptmission soll daraus ein beispielloser kosmischer Atlas entstehen – in dem das gleißende Milchstraßen-Herz nur eine spektakuläre Randnotiz ist.



