Stellen Sie sich vor, Sie legen alle großen Hits seit 1960 übereinander und lassen einen Computer mitlesen. Genau das hat die Forschung getan – und das Ergebnis klingt wie der Soundtrack zu einem grauen Novembertag: Pop wird düsterer.
Was die Studien herausfanden
Ein Team um die Informatikerin Vjosa Preniqi von der Queen Mary University of London hat mehr als 380.000 englischsprachige Popsongs aus den Jahren 1960 bis 2023 analysiert. Der in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlichte Befund: Über die Jahrzehnte tauchen Begriffe für moralische Tugenden wie Fürsorge und Anstand immer seltener auf, während Ausdrücke für Wut, Abscheu, Verletzung und Erniedrigung deutlich zunehmen. Auch der allgemeine Gefühlston rutschte messbar ins Negative ab, wie phys.org und Spektrum berichten.
Nicht alles war gleich finster: Metal-Songs enthielten überdurchschnittlich viele negative Ausdrücke, Soul und R&B betonten häufiger Fürsorge, und weibliche Acts sangen öfter über positive Werte. Dazu passt eine zweite Untersuchung der Universität Innsbruck: Sie wertete rund 12.000 Songs aus fünf Genres zwischen 1980 und 2020 aus – ebenfalls in Scientific Reports – und fand, dass alle Genres vermehrt zu negativen Wörtern griffen, am stärksten die Wut im Rap. Gleichzeitig wurden die Texte einfacher, repetitiver und ich-bezogener.
Wie misst man die Stimmung eines Songs?
Die Forschenden bewerten Songs nicht von Hand, sondern füttern riesige Textdatenbanken in den Computer. Per Sentiment-Analyse vergleicht die Software jedes Wort mit kuratierten Wortlisten – Lexika, in denen Begriffe als positiv oder negativ, als wütend, ängstlich oder fröhlich eingestuft sind. Preniqis Team nutzte zusätzlich Wortlisten zu moralischen Kategorien sowie KI-gestützte Sprachverarbeitung. So lässt sich für jedes Jahrzehnt ein Stimmungsbarometer berechnen. Die Innsbrucker Gruppe maß darüber hinaus Wortschatzreichtum und Wiederholungsgrad.
Mögliche Erklärungen
Warum die Düsternis? Vorsicht ist geboten – belastbare Ursachen liefert keine der Studien. Diskutiert werden mehrere Stränge: ein gesellschaftlicher Wandel, der sich in den Texten spiegele; die Streaming-Ökonomie, in der ein großer Teil der Hörer Songs schon nach Sekunden überspringt, was Künstler zu eingängigeren, repetitiveren Hooks treibt; und Genre-Verschiebungen, etwa der Aufstieg von Hip-Hop und Rap.
Die Grenzen der Forschung
Hier ist Nüchternheit Pflicht. Korrelation ist nicht Ursache: Dass Texte negativer werden, beweist weder eine kollektive Verstimmung noch ein Streaming-Diktat. Eine alternative Deutung besagt, der Geschmack der Hörer bleibe stabil, und die Texte pendelten sich nur neu darum ein. Auch die Songauswahl prägt das Bild – Charts, Streaming-Listen oder Datenbanken decken nicht dieselbe Musik ab.
Einordnung
Die Trends sind real und statistisch sauber gemessen – aber sie sind ein Spiegel, kein Diagnosezettel. Vielleicht ist der düstere Pop weniger ein Krankheitssymptom als eine ehrliche Bestandsaufnahme. Oder einfach das, was sich im Sekundentakt des Streamings am besten verkauft. Der nächste Ohrwurm darf trotzdem fröhlich sein.



