Das Konto ist im Plus, das Einkommen stabil, und trotzdem sitzt die Angst tief: Ich habe zu wenig, ich komme nicht hinterher. Für diesen verzerrten Blick auf die eigene Finanzlage gibt es inzwischen einen Begriff, Gelddysmorphie, wie der Merkur berichtet.

Was der Begriff bedeutet

Das Wort ist an die Körperdysmorphie angelehnt, bei der Menschen ihren Körper verzerrt wahrnehmen, obwohl objektiv nichts fehlt. Übertragen auf die Finanzen heißt das: Manche schätzen ihre wirtschaftliche Lage deutlich schlechter ein, als sie tatsächlich ist, begleitet von Unsicherheit und Sorge. Wichtig ist die Einordnung: Gelddysmorphie ist keine offizielle psychische Diagnose, sondern eine Beschreibung für ein wiederkehrendes Muster.

Wie es sich zeigt

Die Erscheinungsformen sind unterschiedlich, teils gegensätzlich. Die einen kontrollieren ständig ihren Kontostand und fühlen sich trotzdem nie sicher, sparen zwanghaft und gönnen sich nichts. Die anderen geben impulsiv Geld aus, um ein Gefühl des Zurückbleibens zu betäuben. Gemeinsam ist beiden ein Missverhältnis zwischen der realen Lage und dem eigenen Empfinden.

Ein verbreitetes Gefühl

Dass viele junge Menschen ihre Finanzen pessimistischer sehen, als es die Zahlen hergeben, zeigen Umfragen aus den USA: Einer viel zitierten Erhebung zufolge glauben rund 43 Prozent der Generation Z und 41 Prozent der Millennials, finanziell schlechter dazustehen, als es tatsächlich der Fall ist. Auch wenn solche Zahlen nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar sind, deuten sie auf ein verbreitetes Lebensgefühl hin.

Warum gerade jetzt

Als Treiber gelten vor allem die sozialen Medien. Wo früher vielleicht der reiche Nachbar Maßstab war, zeigen Instagram und TikTok heute pausenlos Luxusreisen, teure Autos und makellose Wohnungen, oft inszeniert, selten repräsentativ. Der ständige Vergleich verzerrt das eigene Maß. Hinzu kommen reale Sorgen: hohe Mieten, Inflation und die Ungewissheit, ob der eigene Wohlstand im Alter reicht. Das Gefühl der Bedrohung wächst, auch wenn das Konto stabil ist.

Was helfen kann

Fachleute raten zu nüchternen Gegenmitteln: die Zeit in sozialen Medien begrenzen, sich einen ehrlichen Überblick über Einnahmen und Ausgaben verschaffen, statt nur aufs Gefühl zu hören. Wer unter dauerhafter Geldangst leidet, sollte sie ernst nehmen und im Zweifel Beratung suchen. Denn oft hilft schon der Abgleich mit den echten Zahlen, um zu erkennen: Die Lage ist besser, als das flaue Gefühl vermuten lässt.