Die Suche nach der Liebe wird datengetrieben: Die großen Dating-Plattformen wetten auf künstliche Intelligenz. Doch ihre Nutzer machen klare Vorbehalte.
Was die Apps mit KI vorhaben
Konzerne wie die Match Group, zu der Tinder, Hinge und OkCupid gehören, investieren erheblich in KI. Das Ziel: das Kennenlernen effizienter und weniger ermüdend zu machen. Tinder etwa setzt einen KI-gestützten Foto-Selektor ein, der aus der Bildergalerie die vielversprechendsten Profilbilder herausfiltert, und kuratiert über ein System namens „Chemistry“ täglich eine Auswahl möglicher Matches – gegen die verbreitete „Dating-Fatigue“, die Erschöpfung vom endlosen Wischen. Bei Hinge wiederum schlägt die Funktion „Convo Starters“ nach Analyse eines Profils personalisierte Gesprächseinstiege vor, um die erste Nachricht zu erleichtern.
Was die Nutzer wollen – und was nicht
Wie stehen die Menschen dazu? Eine repräsentative Befragung des Digitalverbands Bitkom unter deutschen Online-Dating-Nutzern zeigt ein geteiltes Bild: Rund ein Drittel kann sich vorstellen, sich von einer KI beim Dating beraten zu lassen, und ähnlich viele glauben, mit KI-Hilfe schneller passende Partner zu finden. Gleichzeitig gibt es deutliche Skepsis – viele befürchten etwa, dass ein sympathisch wirkender Match in Wahrheit ein KI-Chatbot sein könnte.
Eine begleitende Untersuchung der Match Group unter jüngeren US-Singles fand eine klare Grenze: Ein erheblicher Teil steht KI im romantischen Kontext grundsätzlich ablehnend gegenüber und möchte niemanden daten, der KI-Begleiter-Apps als emotionalen Ersatz nutzt. Bei jungen Frauen ist die Ablehnung besonders ausgeprägt.
Der „Cyrano-Effekt“
Worin das Problem liegt, beschreibt der Wirtschaftswissenschaftler Lennart Ante. In Interviews mit Dating-App-Nutzern fand er heraus: Wer KI-generierte Nachrichten verschickt, sieht darin oft nur eine Hilfe, sich selbst auszudrücken. Die Empfänger hingegen empfinden es als Täuschung, sobald sie davon erfahren – Vertrauen und Sympathie kippen. Ante nennt das in Anlehnung an die Theaterfigur den „Cyrano-Effekt“: Wer mit geliehenen Worten wirbt, baut eine Beziehung auf einem Missverständnis auf.
Die Grenze verläuft beim Gefühl
Das Muster ist klar: KI als unsichtbares Werkzeug im Hintergrund – bessere Fotos, ein erster Satz, ein klügerer Algorithmus – wird weithin akzeptiert. Sobald die KI aber sichtbar in den emotionalen Kern des Kennenlernens eindringt, Gefühle simuliert oder Gespräche übernimmt, schlägt Offenheit in Ablehnung um. Für die Anbieter ist das ein Balanceakt: Sie müssen technische Effizienz bieten, ohne das Einzige zu beschädigen, wofür ihre Nutzer wirklich bezahlen – die Hoffnung auf eine echte Begegnung.



