Ein Flugplatz wird zur Utopie

Wo früher Militärmaschinen über die mecklenburgische Heide donnerten, steigt seit 1997 ein Klangkosmos auf, der sich jeder Einordnung entzieht. Das Fusion Festival auf dem ehemaligen Militärflugplatz in Lärz, nahe Neubrandenburg, ist längst mehr als ein Konzert unter freiem Himmel. Es ist ein temporärer Stadtstaat, den seine Macher und Besucher liebevoll „Ferienkommunismus" nennen – ein für wenige Tage errichtetes Gemeinwesen, in dem für einen Moment andere Regeln gelten sollen als draußen.

Getragen wird das Ganze vom Verein Kulturkosmos Müritz, und schon die Grundprinzipien lesen sich wie ein Manifest gegen die Eventindustrie: keine Sponsoren, keine Markenlogos auf den Bühnen, kein Line-up, das Monate vorher als Zugpferd verkauft wird. Wer ein Ticket kauft, kauft ein Versprechen, kein Programmheft.

Wann, wo, wie viele

In diesem Jahr läuft die Fusion vom 24. bis 28. Juni 2026 – es ist die 27. Ausgabe. Zur Größenordnung kursieren leicht unterschiedliche Angaben: mal ist von rund 70.000 Besucherinnen und Besuchern die Rede, mal von einer Kapazität um die 65.000. So oder so verwandelt sich die Heide für knapp eine Woche in eine der größten temporären Siedlungen des Nordostens.

Kunst statt Krawall

Was die Fusion von gewöhnlichen Festivals trennt, sind nicht nur die elektronischen Beats, die rund um die Uhr aus dutzenden Floors dringen. Es sind die Theaterperformances, Installationen, Skulpturen und „Art Cars", das eigene Filmprogramm und die textilfreien Zonen. Und dann ist da die berühmte No-Photo-Politik: Das ostentative Abfilmen und Posten ist verpönt, der Moment soll dem Moment gehören, nicht dem Feed. In Zeiten, in denen Festivals zu Kulissen für Social-Media-Inszenierungen geworden sind, wirkt diese Geste fast trotzig.

Warum jetzt eine Pause?

2027 wird es still in Lärz. Die Veranstalter begründen das nicht mit einer Krise, sondern mit dem Bedürfnis nach Reflexion und Neujustierung. Nach Jahren des immer gleichen Arbeitszyklus brauche es, so die Mitteilung des Kulturkosmos, zumindest „alle fünf Festivals oder spätestens alle zehn Jahre" eine Pause, um längere Prozesse und Baustellen anzugehen. Sowohl die Fusion als auch das eng verzahnte Theaterfestival at.tension sollen 2028 zurückkehren. Es ist nicht die erste Zäsur: Schon 2017 legte die Fusion eine Pause ein, 2020 und 2021 zwang die Pandemie zum Stillstand.

Einordnung

Dass ausgerechnet das unkommerziellste Großfestival des Landes sich freiwillig eine Auszeit gönnt, ist eine Pointe für sich. Während andere Veranstalter mit steigenden Kosten, austauschbaren Headlinern und durchökonomisierten Erlebniswelten ringen, leistet sich die Fusion den Luxus des Durchatmens. Vielleicht ist genau das ihr radikalstes Statement: dass Kultur nicht ununterbrochen liefern muss, um zu bestehen.