Was passiert ist
Myanmars De-facto-Machthaber Min Aung Hlaing ist Mitte Juni zu einem Staatsbesuch in Peking empfangen worden – und das mit vollem protokollarischem Aufwand. Bei der formellen Begrüßung in der Großen Halle des Volkes spielten Militärkapellen die Nationalhymnen beider Länder. Es war sein erster Besuch in China seit seiner Vereidigung zum Präsidenten und bereits das zweite Treffen mit Staatschef Xi Jinping innerhalb eines Jahres.
Bei den Gesprächen am 16. Juni unterzeichneten beide Seiten laut Al Jazeera 18 Kooperationsabkommen – unter anderem zu grenzüberschreitendem Transport, Freihandel, Gesundheit, Katastrophenhilfe und Medien. Xi sprach von einer „brüderlichen Freundschaft" und versicherte, China unterstütze „dauerhafte Stabilität in Nordmyanmar".
Warum Peking die Junta stützt
China mag weder das Militär noch dessen Putsch – doch das Chaos danach fürchtet Peking noch mehr. Im Zentrum stehen massive Infrastrukturinteressen: Durch Myanmar verlaufen Öl- und Gaspipelines, die das chinesische Festland direkt mit dem Indischen Ozean verbinden und so die strategisch verwundbare Straße von Malakka umgehen. Kernstück ist der China-Myanmar-Wirtschaftskorridor von der Provinz Yunnan zum geplanten Tiefseehafen Kyaukphyu – ein Prestigeprojekt der „Neuen Seidenstraße".
Viele dieser Projekte sind durch den Bürgerkrieg gefährdet. Peking will deshalb eine handlungsfähige Zentralregierung, die seine Investitionen und die lange, instabile gemeinsame Grenze sichert. Hinzu kommen Pekings Kampf gegen Online-Betrugszentren und Drogenhandel in der Grenzregion sowie die strategische Rivalität mit dem Westen: Je isolierter die Junta vom Westen, desto abhängiger ist sie von China.
Hintergrund: Putsch und Bürgerkrieg
Das Militär hatte im Februar 2021 die gewählte Regierung der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi gestürzt. Aus der blutigen Niederschlagung friedlicher Proteste erwuchs ein landesweiter Bürgerkrieg: In den Grenzregionen schlossen sich Gegner zu „Volksverteidigungskräften" zusammen und verbündeten sich mit ethnischen Armeen. Nach Angaben in der CNN-Berichterstattung kontrolliert die Junta nur noch einen Bruchteil des Staatsgebiets, während Rebellen und ethnische Armeen große Teile halten – die genauen Anteile schwanken je nach Quelle.
Um seine Herrschaft zu legitimieren, ließ das Militär ab Ende Dezember 2025 eine in Etappen abgehaltene Wahl durchführen, die von einer militärnahen Partei dominiert wurde. Westliche Regierungen und Beobachter bezeichneten sie als Farce. Min Aung Hlaing wurde am 10. April 2026 als Präsident vereidigt – ein Wechsel vom General zum zivilen Staatschef, der nichts an der Militärherrschaft ändert.
Kritik und Einordnung
Menschenrechtsorganisationen werfen der Junta Luftangriffe auf Zivilisten, willkürliche Festnahmen und die Vertreibung Hunderttausender vor. Mit dem Staatsempfang wertet Peking einen Machthaber auf, gegen den weite Teile der internationalen Gemeinschaft Sanktionen verhängt haben. Für die Junta ist der Empfang ein diplomatischer Erfolg, der ihre Isolation durchbricht. Für Peking ist es kalte Interessenpolitik: Wer Pipelines, Häfen und eine ruhige Grenze sichern will, braucht in Naypyidaw einen verlässlichen Partner – unabhängig davon, wie der an die Macht gekommen ist.



