Die deutsche Erneuerbaren-Branche ist zu einem bedeutenden Arbeitgeber geworden – doch ihr Fundament gilt als brüchig. Das ist der Kern einer Studie der Bertelsmann Stiftung, die gemeinsam mit der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) erstellt wurde. Die Autorinnen und Autoren warnen, dass ein energiepolitischer Kurswechsel der Bundesregierung Tausende Arbeitsplätze kosten könnte.
Was die Studie sagt
Die Energiewende hat sich der Untersuchung zufolge zu einem spürbaren Jobmotor entwickelt. 2025 arbeiteten rund 436.000 Personen in der Branche – fast vier Prozent mehr als im bisher besten Jahr 2023. Der Anteil der Energiewende-Jobs am gesamten Stellenmarkt sei seit 2019 von rund 1,5 auf knapp vier Prozent gestiegen; rein rechnerisch sei damit etwa jeder 26. Job ein Job der Energiewende.
Profitiert haben vor allem drei Bereiche: Die Windenergie stellt mit rund 131.000 Stellen den größten Block, die Photovoltaik kommt auf knapp 100.000 und die Wärmepumpen-Branche auf etwa 72.000 Beschäftigte. Damit hängen Beschäftigung und regionale Wertschöpfung – etwa in windstarken Küstenregionen und bei mittelständischen Handwerksbetrieben – unmittelbar an der Geschwindigkeit des Ausbaus.
Warum die Stiftung warnt
Genau hier sieht die Stiftung das Risiko: Die Beschäftigung reagiere „sehr sensibel" auf politische und regulatorische Änderungen. Als warnendes Beispiel nennt die Studie die Wärmepumpe: Nach einem Rekordjahr 2023 ließ die Debatte um das Gebäudeenergiegesetz die Nachfrage einbrechen, die Beschäftigung in diesem Segment fiel deutlich – ehe sie sich 2025 wieder erholte. Zentral ist die Warnung vor einer Wiederholung früherer Fehler: Die einst starke deutsche Solarmodul-Produktion wanderte nach 2011 fast vollständig ins Ausland ab. Diesen Fehler dürfe man bei Windrädern, Wärmepumpen und Wechselrichtern nicht wiederholen, mahnt die Stiftung; nötig sei eine über Wahlperioden hinweg verlässliche Politik.
Politischer Kontext
Die Studie trifft auf eine aufgeheizte Debatte über Tempo und Kosten der Energiewende. Die schwarz-rote Koalition will die Kosten dämpfen und den Erneuerbaren-Ausbau stärker am langsameren Netzausbau ausrichten. Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) erwägt, die Vergütung für kleine neue Dach-Solaranlagen zu streichen und Betreiber stärker an den Netzkosten zu beteiligen. Befürworter dieses Kurses verweisen auf hohe Strompreise und überlastete Netze.
Einordnung und Gegenstimmen
Die Bertelsmann Stiftung ist eine privatwirtschaftlich finanzierte Denkfabrik; ihre Schlussfolgerungen sind als politischer Beitrag zu lesen, nicht als amtliche Statistik. Kritiker des bisherigen Förderregimes argumentieren, dass Subventionen zu hohen Kosten führten und teils ineffizient seien – ein Rückbau müsse nicht zwangsläufig Jobs vernichten, wenn er marktwirtschaftliche Anreize stärke. Unstrittig ist hingegen der Befund, dass die Branche stark auf Politikwechsel reagiert. Wie viele Stellen ein Förderstopp tatsächlich gefährdet, beziffert die Stiftung bewusst nur vage mit „Tausenden" – belastbare Prognosen hängen davon ab, welche Reformen am Ende beschlossen werden.



