Eine Soap, die quer hängt
Die ARD geht dorthin, wo ihr klassisches Publikum schon lange nicht mehr hinschaut: auf den vertikalen Bildschirm der Generation TikTok. Unter dem Titel „Between The Beats" veröffentlichen Radio Bremen und der Saarländische Rundfunk ab dem 25. Juni 2026 eine 26-teilige Coming-of-Age-Serie – jede Folge nur ein bis drei Minuten lang, durchgehend im Hochformat 9:16, gedacht fürs Daumen-Scrollen.
Im Zentrum steht eine angehende Ballerina unter dem Druck ehrgeiziger Eltern, die heimlich von K-Pop und einem selbstbestimmten Leben träumt. Produziert wurde die Serie vom Saxonia-Media-Label Red Pony. Wer TikTok meidet, findet alle Folgen zusätzlich auf einer Landingpage von Radio Bremen.
Was „Micro-Dramas" sind
„Between The Beats" bedient einen Trend, der zuerst in China und dann in den USA explodierte: sogenannte Micro-Dramas oder Vertical Dramas. Das sind vertikal gefilmte Kurzserien mit dutzenden Mini-Folgen, die meist mit einem harten Cliffhanger enden und süchtig machen sollen. Angetrieben wird der Boom von Apps wie ReelShort und DramaBox, die Folgen häppchenweise gegen Bezahlung freischalten. Der Markt ist gewaltig: Laut Variety setzten Micro-Drama-Apps 2025 weltweit Milliardenbeträge um; inzwischen drängt auch TikTok selbst mit einer eigenen App in das Geschäft.
Warum die Öffentlich-Rechtlichen mitziehen
Für ARD-Anstalten ist der Schritt weniger Mode als Notwehr. Der gesetzliche Auftrag verlangt, alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen – auch die 14- bis 29-Jährigen, die lineares Fernsehen kaum noch einschalten. Wer junge Menschen nicht auf ihren Plattformen abholt, verliert sie ganz. „Between The Beats" ist damit ein Experiment im Kampf um Aufmerksamkeit gegen Influencer, Streamer und kommerzielle Drama-Apps.
Die Kritik: Boulevard auf Gebührenkosten?
Genau hier setzt der Einwand an. Kritiker fragen, ob ein gebührenfinanzierter Sender Cliffhanger-getriebene Teenie-Soaps im Stil kommerzieller Suchtformate produzieren sollte – oder ob das eine Boulevardisierung des Bildungsauftrags ist. Auch die Qualität steht im Raum: Lässt sich in einminütigen Häppchen überhaupt anspruchsvolles Erzählen unterbringen? Selbst Produzenten räumen ein, die Spielregeln des Hochkant-Hypes erst zu lernen.
Einordnung
Neu ist der Reflex nicht: funk experimentiert seit Jahren auf TikTok. „Between The Beats" ist dennoch ein Markstein – das erste deutsche, klar als Vertical Drama angelegte ARD-Format. Ob daraus eine tragfähige Strategie wird oder ein teures Pilotprojekt, hängt weniger an Klickzahlen als an der Frage, ob öffentlich-rechtliche Inhalte in diesem Format ihren Mehrwert behalten. Der erste Akt jedenfalls läuft – im Hochformat.



