Was zunächst nach einem Chemieunglück klingt, ist in Wahrheit ein schleichender Umweltfall: Aus dem Solvay-Werk im baden-württembergischen Bad Wimpfen entweicht das Gas Schwefelhexafluorid – kurz SF6 – in die Atmosphäre. Verletzte oder Evakuierungen gab es nicht; das Problem liegt in der Klimabilanz.

Ein Gas mit enormer Wirkung

SF6 ist ein farb- und geruchloses Gas, das in der Industrie unter anderem zur Isolierung genutzt wird. Für das Klima ist es hochproblematisch: Es gilt als das stärkste bekannte Treibhausgas und wirkt über die Zeit um ein Vielfaches stärker als Kohlendioxid – zudem baut es sich über Jahrtausende kaum ab. Schon kleine Mengen fallen deshalb ins Gewicht. Berichten zufolge entweichen aus dem Werk pro Jahr Größenordnungen von rund 30 Tonnen SF6 – ein Ausstoß, der die Klimawirkung eines erheblichen CO2-Vielfachen entfaltet.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt

Der Fall beschäftigt inzwischen die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt wegen des Verdachts der Luftverunreinigung und einer möglichen Verletzung von Aufsichtspflichten. Für die Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Parallel hatten das Land Baden-Württemberg und das Unternehmen einen befristeten Testbetrieb vereinbart, um mögliche Leckstellen aufzuspüren und die Emissionen zu senken.

Warum der Fall so heikel ist

Anders als bei einem sichtbaren Störfall entfaltet dieses Problem seine Wirkung im Verborgenen. Ein Gas, das man nicht sieht und nicht riecht, das aber über Jahrtausende in der Atmosphäre bleibt, macht keine dramatischen Bilder – und richtet doch messbaren Schaden an. Genau das erschwert die öffentliche Wahrnehmung: Ein Chemieunfall mit Feuerwehr und Absperrung wäre eine Schlagzeile; eine unsichtbare Abgasfahne über Jahre ist es seltener.

Was jetzt zählt

Im Zentrum steht nun die Frage, wie viel SF6 tatsächlich austritt, seit wann, und ob das Unternehmen seinen Pflichten nachgekommen ist. Für Bad Wimpfen und die Region geht es dabei weniger um eine akute Gefahr für die Gesundheit als um Verantwortung für den Klimaschutz – und um die Frage, wie streng der Umgang mit einem der wirkungsvollsten Treibhausgase überhaupt kontrolliert wird.