Es ist ein Bild, das man von einem der bekanntesten Berge der Welt so nicht erwartet: Wasser, das in Kaskaden über die Felswände des Matterhorns stürzt. Aufgenommen wurde es Ende Juni von einem Bergführer aus Zermatt – und es ging in den sozialen Medien rasch um die Welt.

Wie die Wasserfälle entstehen

Hinter dem Schauspiel steckt eine besondere Wetterlage. Ziehen Gewitter über den Gipfel und trifft dabei warme Luft auf den Berg, fällt in großer Höhe Regen statt Schnee. Das Wasser sammelt sich an den steilen Flanken und stürzt als Wasserfall in die Tiefe. Das Phänomen ist flüchtig: Nur wenige Minuten lang war es zu sehen, dann war der Spuk vorbei. Genau diese Kürze macht die Aufnahme so ungewöhnlich.

Ein Zeichen der steigenden Nullgradgrenze

Bemerkenswert ist der Höhenbezug. Nach Angaben von Fachleuten von MeteoSchweiz lag die Nullgradgrenze an jenem Tag bei rund 4.500 Metern – und positive Temperaturen selbst auf 5.000 Metern sind in den vergangenen Jahren häufiger geworden. Dass es in solchen Höhen regnet statt schneit, ist damit kein Zufall, sondern passt in ein Muster: Die Frostgrenze klettert in den Alpen im Sommer immer wieder ungewöhnlich hoch.

Was das für den Berg bedeutet

Für das Matterhorn ist Regen in der Höhe nicht harmlos. Dringt Wasser in Felsspalten ein und erreicht den Permafrost – jenen dauerhaft gefrorenen Boden, der das Gestein wie ein Kitt zusammenhält –, kann es dessen Auftauen beschleunigen. Schmilzt das Eis in den Klüften, lockert sich der Fels, und die Gefahr von Steinschlag steigt. In den vergangenen Jahren mussten am Matterhorn immer wieder Routen wegen Steinschlags gesperrt werden.

Vorsicht vor der Überdeutung

So eindrücklich das Bild ist – Fachleute mahnen zur Zurückhaltung. Ein einzelnes Wetterereignis lasse sich nicht direkt als Beweis für den Klimawandel verbuchen, betont ein Forscher des Schweizer Instituts für Schnee- und Lawinenforschung. Entscheidend sei die langfristige Entwicklung, nicht der einzelne Tag. Das Foto vom Matterhorn ist damit weniger ein Beweis als ein Sinnbild: für einen Hochgebirgsraum, in dem die Grenze zwischen Schnee und Regen spürbar nach oben wandert.