Die Regierungspartei des äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed hat die Parlamentswahl deutlich für sich entschieden. Nach Angaben der nationalen Wahlbehörde holte die Wohlstandspartei (Prosperity Party) 438 der 501 vergebenen Sitze im Repräsentantenhaus – weit mehr als die für eine Regierungsbildung nötigen 274 Mandate. Damit steuert Abiy auf eine weitere fünfjährige Amtszeit zu.

Klarer Sieg, hohe offizielle Beteiligung

Die Abstimmung fand am 1. Juni 2026 statt. Es war die siebte allgemeine Wahl des Landes und die zweite, seit Abiy 2018 an die Macht kam. Die neu gewählte Volksvertretung soll im Oktober zusammentreten und Abiy dann formell erneut zum Regierungschef bestimmen.

Die offiziell gemeldete Wahlbeteiligung lag laut Wahlbehörde bei rund 94 Prozent bei mehr als 50 Millionen registrierten Wählerinnen und Wählern. Diese Angabe stammt von der staatlichen Wahlkommission und ist unabhängig schwer zu überprüfen.

Ganze Regionen ohne Wahl

Überschattet wurde die Abstimmung davon, dass große Teile des Landes gar nicht teilnehmen konnten. In der gesamten Region Tigray wurde nicht gewählt, die sich noch immer von dem verheerenden Bürgerkrieg der Jahre 2020 bis 2022 erholt. Auch in rund 30 Wahlkreisen der Region Amhara, wo die Fano-Miliz gegen die Zentralregierung kämpft, sowie in Teilen Oromias fand keine Abstimmung statt. Nach Angaben von Wahlbeobachtern öffneten mindestens 143 Wahllokale gar nicht erst. Damit blieb Millionen Menschen die Stimmabgabe verwehrt.

Kritik der Opposition

Oppositionsparteien und Menschenrechtsgruppen äußerten Bedenken am Wahlumfeld. Sie warfen den Behörden vor, Parteiführer festgenommen und politische Aktivitäten durch juristische Manöver behindert zu haben. Ein formeller, geschlossener Boykott wurde nach vorliegenden Berichten allerdings nicht ausgerufen. Die Regierung wies die Vorwürfe der Unterdrückung zurück.

Vom Hoffnungsträger zum umstrittenen Machthaber

Abiy Ahmed war 2018 als Reformer angetreten und erhielt 2019 den Friedensnobelpreis für seine Aussöhnung mit dem Nachbarland Eritrea. Wenig später jedoch eskalierte der Konflikt mit der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) zu einem Bürgerkrieg, der nach Schätzungen Hunderttausende Tote forderte. Trotz eines Friedensabkommens von 2022 bleibt die Lage in Tigray fragil, während neue Konflikte in Amhara und Oromia das Land belasten.

Mit dem klaren Wahlsieg festigt Abiy seine Macht. Beobachter weisen jedoch darauf hin, dass ein Ergebnis, bei dem ganze Regionen ausgeschlossen blieben und die Opposition Repression beklagt, die Spaltungen des Landes eher vertieft als überbrückt. Vor dem Regierungschef stehen der Wiederaufbau in Tigray, die Bewältigung der Sicherheitskrisen und die Fortsetzung umstrittener Wirtschaftsreformen.