Selbstkritik ist im Spitzenfußball selten – schon gar nicht so offen. Bei der laufenden Weltmeisterschaft hat Joshua Kimmich, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, ungewohnt ehrlich über das Scheitern seiner eigenen Spielergeneration gesprochen.
Das uneingelöste Versprechen
Kimmich gehört zu jenem Jahrgang hochtalentierter Spieler, der nach dem frühen WM-Aus 2018 das deutsche Spiel prägen und zu neuen Titeln führen sollte. Eingelöst wurde dieses Versprechen nicht. „Das haben wir nach 2018 nicht so gut hinbekommen", räumte der 31-Jährige ein. Statt zusammenzuwachsen, habe die Mannschaft nach den Turnieren immer wieder von vorn begonnen: „Wir hatten nach den Turnieren immer einen Neustart."
Die Bilanz dieser Generation – zu der auch Spieler wie Serge Gnabry, Leon Goretzka und Leroy Sané zählen – bleibt für ihre Klasse mager. Auf große Titel wartet sie bis heute; der Gewinn des Confederations Cups 2017 ist der einzige nennenswerte Erfolg. Vor allem bei Weltmeisterschaften enttäuschte das Team wieder und wieder.
Der Vergleich mit 2014
Als Gegenbild dient Kimmich die Weltmeistermannschaft von 2014. Deren Stärke habe darin gelegen, über Jahre zusammenzuwachsen und eine eingespielte Achse zu bilden – genau das, was seiner eigenen Generation fehlte. Die ständigen Umbrüche nach enttäuschenden Turnieren hätten verhindert, dass sich ein stabiles Gerüst herausbildete.
Hoffnung auf die Jungen
Trotz der ernüchternden Rückschau gibt sich Kimmich nicht resigniert. Im Gegenteil: Seine Hoffnung setzt er ausdrücklich auf die jüngeren Spieler im Kader, die – anders als seine Generation – noch unbelastet von Misserfolgen seien. Außer Torhüter Manuel Neuer habe kaum jemand im Aufgebot bereits etwas mit der Nationalmannschaft gewonnen. Genau das sieht Kimmich als Chance: Die Jungen brächten „diesen besonderen Hunger und Antrieb" mit, etwas Besonderes zu schaffen.
Ein Kapitän mit Auftrag
Kimmichs Worte sind auch ein Stück Standortbestimmung. Mit 31 Jahren könnte dieses Turnier in Nordamerika seine letzte realistische Chance auf den großen Titel sein. Als Kapitän hat er nun die Aufgabe, den Nachwuchs jenen Weg zu führen, den seine eigene Generation nicht fand: hin zu Kontinuität und Erfolg. Ob das gelingt, entscheidet sich in den nächsten Wochen auf dem Platz.



