Kaum ein Notenbanker hat die Finanzwelt so geprägt wie er – und kaum einer wird so widersprüchlich bewertet. Alan Greenspan, langjähriger Vorsitzender der US-Notenbank Federal Reserve, ist im Alter von 100 Jahren gestorben. Er starb nach Angaben mehrerer US-Medien am 22. Juni an den Folgen einer Parkinson-Erkrankung in seinem Haus in Washington.

Fast zwei Jahrzehnte an der Spitze

Greenspan, 1926 geboren, stand von 1987 bis 2006 an der Spitze der Fed – eine der längsten Amtszeiten in der Geschichte der Notenbank. Berufen von Präsident Ronald Reagan, diente er unter insgesamt vier US-Präsidenten von Reagan bis George W. Bush. In dieser Zeit wurde der eher zurückhaltend auftretende Ökonom zu einer Figur von fast mythischer Autorität: Seine oft bewusst vage gehaltenen Äußerungen wurden an den Märkten Wort für Wort seziert, ihm selbst trug das den Beinamen „Maestro" ein.

Krisenmanager mit ruhiger Hand

Seinen Ruf als Krisenmanager begründete Greenspan früh. Schon wenige Wochen nach Amtsantritt stürzten die Aktienkurse am „Schwarzen Montag" im Oktober 1987 dramatisch ab. Greenspan reagierte, indem er die Märkte mit Liquidität flutete und so eine Kettenreaktion verhinderte. Ähnlich agierte er in späteren Turbulenzen – bei der Asienkrise 1997, dem Platzen der Dotcom-Blase um 2000 und nach den Anschlägen vom 11. September 2001.

Aus diesem Muster entstand eine Erwartung, die als „Greenspan-Put" in die Wirtschaftsgeschichte einging: die Annahme der Anleger, die Fed werde in jeder Krise mit billigem Geld einspringen. Unter Greenspan erlebten die USA zudem die lange Wirtschaftsexpansion der 1990er-Jahre mit niedriger Inflation und sinkender Arbeitslosigkeit – die Grundlage seines Ansehens.

Die Schattenseite

Doch dasselbe Rezept geriet später in die Kritik. Nach 2001 hielt Greenspan die Zinsen über Jahre sehr niedrig. In Verbindung mit seinem tiefen Vertrauen in die Selbstregulierung der Märkte und seinem Eintreten für Deregulierung gilt diese Politik vielen als Mitursache für die Immobilien- und Finanzkrise von 2007/08. Greenspan selbst räumte später vor dem US-Kongress ein, sich in seinem Glauben an die Stabilität der Märkte geirrt zu haben – ein bemerkenswertes Eingeständnis für einen, der als unfehlbar galt.

Ein Erbe in der Schwebe

So bleibt Greenspans Vermächtnis gespalten. Für die einen ist er der Architekt der längsten Aufschwungphase der jüngeren US-Geschichte, der die Inflation bändigte und Ruhe in die Märkte brachte. Für die anderen verkörpert er eine Ära des Vertrauens in entfesselte Finanzmärkte, deren Rechnung 2008 die ganze Welt bezahlte. Vermutlich war er beides – ein brillanter Pragmatiker, dessen Überzeugungen ihn an einem entscheidenden Punkt trogen. Mit seinem Tod endet das Leben eines Mannes, der die moderne Geldpolitik wie kaum ein Zweiter geprägt hat.