Die Reform der Altersvorsorge soll das deutsche Rentensystem zukunftsfest machen – doch eine neue Analyse zeichnet ein gemischtes Bild. Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) und das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung warnen vor erheblichen kurzfristigen Kosten der geplanten Kapitalrente.
Was die Studie sagt
Nach den Berechnungen der beiden Institute könnte die Kapitalrente die Wirtschaftsleistung um rund ein Prozent dämpfen – das entspräche einem volkswirtschaftlichen Schaden von etwa 45 Milliarden Euro. Als Folge des gebremsten Konsums sehen die Forscher den Verlust von bis zu 250.000 Arbeitsplätzen.
Wichtig zur Einordnung: Es handelt sich um Modellrechnungen, nicht um eingetretene Tatsachen. Und IMK wie WSI gelten als gewerkschaftsnah – ein Lager, das Kapitalmarktlösungen im Rentensystem traditionell skeptisch gegenübersteht. Andere Ökonomen und das Bundesfinanzministerium verweisen dagegen auf die langfristigen Renditechancen einer kapitalgedeckten Vorsorge.
Der Mechanismus: doppelte Belastung
Die Grundidee der Kritik ist einfach: Wer zusätzlich für den Aufbau eines Kapitalstocks einzahlt, hat weniger Geld zum Ausgeben. Geld, das in Fonds fließt, steht über Jahre nicht als Nachfrage in der Wirtschaft zur Verfügung. Die Erwerbstätigen müssten in der Übergangsphase gewissermaßen doppelt zahlen – für die laufenden Renten der Älteren und zugleich für den eigenen Kapitalstock. Genau diese Kaufkraftbremse, so die Institute, würde Wachstum und Beschäftigung treffen.
Auch beim Beitragssatz rechnen die Forscher mit Folgen: Mit Kapitalrente könnte er bis in die frühen 2030er-Jahre stärker steigen als ohne sie.
Was die Bundesregierung plant
Die Bundesregierung hält am Reformkurs fest. Teil des Pakets ist auch die Frühstart-Rente: Für Kinder zwischen 6 und 18 Jahren soll der Staat monatlich zehn Euro auf ein individuelles Altersvorsorgekonto einzahlen, um früh Kapital aufzubauen. Die Eckpunkte dazu hat das Kabinett bereits beschlossen.
Streit um den richtigen Weg
Die Institute belassen es nicht bei Kritik, sondern schlagen Alternativen vor – etwa ein kreditfinanziertes Generationenkapital nach norwegischem Vorbild, eine Vermögensabgabe oder eine verpflichtende betriebliche Altersvorsorge. Befürworter der Kapitalrente halten dagegen: Ein gewisser kurzfristiger Aufwand sei der Preis für ein langfristig stabileres, weniger umlageabhängiges Rentensystem. Welche Sichtweise sich durchsetzt, wird die politische Debatte der kommenden Monate prägen.



