Am 23. Juni 2016 entschied sich eine knappe Mehrheit der britischen Wählerinnen und Wähler für den Austritt aus der Europäischen Union. Zehn Jahre später fällt die Bilanz im Vereinigten Königreich gemischt bis kritisch aus – und an keiner Stelle ist die Spaltung so greifbar wie in Nordirland. Dort treffen die geografische Lage an der einzigen Landgrenze zur EU und eine schwierige Geschichte aufeinander.

Eine Mehrheit hadert mit der Entscheidung

Die Stimmung im Königreich hat sich gedreht. Nach Erhebungen von YouGov hält inzwischen eine Mehrheit den Austritt für falsch; rund 56 bis 57 Prozent sagen, es sei ein Fehler gewesen, während etwa 30 Prozent zur Entscheidung stehen. Dieses Phänomen trägt längst einen Namen: „Bregret". Allerdings, das betonen die Demoskopen, bedeutet Reue nicht automatisch den Wunsch nach einer raschen Rückkehr – für ein konkretes neues Verhältnis zur EU gibt es bislang keine überwältigende Mehrheit.

Ökonomisch bleibt das Bild umstritten. Die unabhängige britische Haushaltsbehörde OBR rechnet langfristig mit einer um rund vier Prozent geringeren Produktivität sowie einem um etwa 15 Prozent niedrigeren Außenhandel im Vergleich zum Verbleib in der EU. Befürworter verweisen umgekehrt auf wiedergewonnene Souveränität und eigenständige Handels- und Migrationspolitik.

Nordirland: Seegrenze statt Landgrenze

Damit auf der irischen Insel keine harte Landgrenze entsteht – ein Grundpfeiler des Friedensprozesses –, verläuft die Warenkontrolle stattdessen in der Irischen See. Das ursprüngliche Nordirland-Protokoll und das nachgebesserte Windsor-Framework von 2023 schaffen damit faktisch eine Handelsgrenze zwischen Nordirland und dem britischen Festland. Mit „grünen" und „roten" Spuren sollen Kontrollen für Waren reduziert werden, die in Nordirland bleiben.

Für viele Unionisten ist genau diese Seegrenze ein Affront, weil sie Nordirland vom Rest des Königreichs trenne. Die DUP legte deshalb von 2022 bis Anfang 2024 die nordirische Regionalregierung lahm. Erst nach Zugeständnissen Londons kehrte sie nach Stormont zurück. Ende 2024 bestätigte die nordirische Versammlung die Fortführung der Regelungen mit 48 zu 36 Stimmen.

Zwei Märkte, zwei Lager

Wirtschaftlich hat die Sonderstellung auch eine Kehrseite, die als Vorteil verkauft wird: den „dual market access". Nordirland kann Güter sowohl in den EU-Binnenmarkt als auch in den britischen Markt liefern. Laut Invest Northern Ireland war die Region zuletzt der einzige UK-Landesteil, der seine Industrieexporte in die EU steigerte. Kritiker halten den Nutzen für überschätzt.

Politisch befeuert der Brexit die alte Frage der Wiedervereinigung. Nach Daten von Statista stieg die Zustimmung zu einem vereinten Irland in Nordirland von rund 22 Prozent (2017) auf etwa 36 Prozent (2025). Für eine Mehrheit reicht das bislang nicht; in der Republik Irland fällt die Zustimmung deutlich höher aus. Zehn Jahre nach dem Votum bleibt Nordirland damit das Schaufenster des Brexits: ein Ort, an dem sich Kompromiss und Konflikt, wirtschaftliche Chance und identitätspolitischer Streit besonders dicht überlagern.