Kaum ein Tier führt ein so rätselhaftes Leben wie der Europäische Aal. Das Kinderbuch „Aali muss los“ erzählt seine Geschichte als Abenteuerreise, wie Spektrum der Wissenschaft in einer Besprechung schildert. Dahinter steckt echte Naturgeschichte, und die ist mindestens so spannend wie jede erfundene Heldenreise.

Mehrere Leben in einem Fisch

Der Aal ist im Lauf seines Lebens kaum wiederzuerkennen, so sehr verändert er sich. Alles beginnt weit draußen im Atlantik, in der Sargassosee. Dort schlüpfen winzige, durchsichtige Larven, die von den Meeresströmungen über Jahre bis an die europäischen Küsten getragen werden, wie im Überblicksartikel zum Europäischen Aal beschrieben.

An der Küste angekommen, werden aus ihnen die berühmten Glasaale, kaum fingerlange, gläsern durchscheinende Tiere. Sie steigen die Flüsse hinauf und wandern ins Süßwasser. Dort verbringen sie als sogenannte Gelbaale den längsten Abschnitt ihres Lebens, oft viele Jahre, fressen und wachsen heran.

Wenn die Augen größer werden

Irgendwann kommt der Wendepunkt. Der Aal stellt das Fressen ein und baut seinen Körper um, radikal und in vergleichsweise kurzer Zeit. Die Färbung wechselt von gelblich-braun zu einem silbrigen Glanz, eine Tarnung für das offene Meer. Auffällig ist vor allem eines: Die Augen werden deutlich größer, damit der Fisch in der Dunkelheit der Tiefe besser sieht. Auch der Verdauungstrakt bildet sich zurück, denn auf seiner letzten Reise wird der Aal nicht mehr fressen.

Aus dem unscheinbaren Flussbewohner ist nun ein Blankaal oder Silberaal geworden, ein Tier, das ganz auf die Wanderung ausgerichtet ist. Genau diese Verwandlung meint der Buchtitel, wenn der Aal „große Augen bekommt“.

Eine Reise über den Atlantik

Dann bricht der Silberaal auf. Über Tausende Kilometer schwimmt er zurück in die Sargassosee, jene Region, aus der einst seine Larve stammte. Tagsüber taucht er in große Tiefen ab, nachts steigt er höher, eine monatelange Wanderung durch den offenen Ozean.

Dort, in der Sargassosee, pflanzt sich der Aal vermutlich fort und stirbt anschließend. Das genaue Geschehen bleibt bis heute rätselhaft: Ein sich in freier Wildbahn fortpflanzendes Aalpaar hat noch niemand beobachtet. Lange war sogar völlig unklar, wo und wie sich diese Fische überhaupt vermehren.

Ein Naturwunder in Gefahr

So faszinierend die Geschichte ist, so bedrückend ist ihr Gegenwartskapitel. Der Europäische Aal gilt als stark gefährdet. Seine Bestände sind über die vergangenen Jahrzehnte dramatisch eingebrochen. Wasserkraftwerke und Wehre verstellen die Wanderwege, dazu kommen Umweltbelastungen und Krankheiten.

Ein Buch wie „Aali muss los“ kann daran erinnern, welch außergewöhnliches Lebewesen da leise aus unseren Flüssen verschwindet. Der Aal, der große Augen bekommt, um die Welt zu durchqueren, ist ein stiller Botschafter für den Schutz der Gewässer, durch die er reist.