Es ist eine Geschichte, die Menschen auf der ganzen Welt berührt: irgendwo im weiten Pazifik zieht ein Wal seine Bahnen und singt, doch niemand scheint ihm zu antworten. Der „52-Hertz-Wal" gilt vielen als der einsamste Wal der Welt. Was ist dran an der Legende?

Eine Entdeckung aus dem Kalten Krieg

Aufgespürt wurde der Wal mit Technik, die für ganz andere Zwecke gedacht war. Ende der 1980er Jahre stieß der Ozeanograf William Watkins von der Woods Hole Oceanographic Institution in den Aufzeichnungen eines militärischen Unterwasser-Horchsystems auf ein rätselhaftes Signal. Die US-Marine hatte diese Hydrofonketten im Kalten Krieg zur Ortung von U-Booten installiert. Watkins verfolgte den ungewöhnlichen Ruf über mehr als ein Jahrzehnt.

Warum 52 Hertz so besonders sind

Das Auffällige ist die Tonhöhe. Große Bartenwale singen tief: Blauwale bewegen sich meist im Bereich von rund 10 bis unter 40 Hertz, Finnwale um die 20 Hertz. Der unbekannte Sänger aber ruft bei etwa 52 Hertz, also deutlich höher, wie heise online schildert. Genau daher rührt der Mythos: Wenn Artgenossen auf tieferen Frequenzen „sprechen", so die verbreitete Annahme, könne der 52-Hertz-Wal rufen, so viel er wolle, ohne verstanden zu werden.

Hybrid oder Einzelfall?

Was für ein Tier hinter der Stimme steckt, ist bis heute ungeklärt. Zwei Erklärungen werden diskutiert. Zum einen könnte es sich um einen Hybriden handeln, etwa aus Blau- und Finnwal, was tatsächlich vorkommt und eine besondere Anatomie mit sich bringen könnte. Zum anderen könnte eine körperliche Besonderheit die ungewöhnliche Frequenz erzeugen. Sicher belegt ist keine der Thesen.

Vielleicht doch nicht so einsam

So schön die traurige Geschichte klingt, die Forschung mahnt zur Vorsicht. Fachleute weisen darauf hin, dass andere Wale die 52-Hertz-Rufe durchaus wahrnehmen können, auch wenn die Stimme fremd klingt. Der Wal wäre demnach nicht ungehört, sondern nur ungewöhnlich. Zudem gibt es Hinweise, dass ähnliche Rufe von mehr als einem Tier stammen könnten, ein zweifelsfreier Beweis für einen Artgenossen fehlt allerdings.

Ob der Wal noch lebt, weiß niemand genau. Sollte es sich um einen großen Bartenwal handeln, käme er auf eine Lebenserwartung von vielen Jahrzehnten. Möglich also, dass er weiter durch den Pazifik zieht und singt.

Warum uns die Geschichte fesselt

Der 52-Hertz-Wal ist längst zum Sinnbild geworden, für Einsamkeit, für das Anderssein, für die Sehnsucht nach Verbindung. Eine Dokumentation machte ihn einem Millionenpublikum bekannt. Dass die nüchterne Wissenschaft die Legende relativiert, tut ihrer Wirkung kaum Abbruch.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Lehre: Ein einzelnes, unverstandenes Signal aus der Tiefe des Ozeans erinnert uns daran, wie wenig wir von der Welt unter der Wasseroberfläche wirklich wissen.