Die Kernfusion gilt als der große Traum der Energieversorgung: nahezu unerschöpflich, ohne Treibhausgase und ohne langlebigen Atommüll. Ein deutsches Start-up bringt diesen Traum nun ein Stück näher an die Wirklichkeit, jedenfalls finanziell.

Ein Milliarden-Start-up

Das Münchner Unternehmen Proxima Fusion hat in einer neuen Finanzierungsrunde 411 Millionen Euro eingesammelt. Zu den Geldgebern zählen der Energiekonzern RWE und der Tech-Gigant Google, dazu weitere internationale Investoren, wie das Handelsblatt berichtet. Mit der Runde wird Proxima mit mehr als 2,4 Milliarden Euro bewertet und erreicht damit den Status eines „Einhorns", eines Start-ups mit Milliardenbewertung.

Das ist bemerkenswert, denn Fusionsenergie ist ein Feld, in dem kommerzielle Erträge noch in weiter Ferne liegen. Dass Investoren dennoch derart hohe Summen bereitstellen, zeigt, wie groß die Erwartungen an die Technologie inzwischen sind.

Stellarator statt Tokamak

Technologisch setzt Proxima auf einen sogenannten Stellarator, einen Reaktortyp mit komplex geformten Magnetspulen, der das heiße Plasma einschließt. Das Unternehmen ist eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik und baut auf dessen jahrzehntelanger Forschung auf, insbesondere am Versuchsreaktor Wendelstein 7-X.

Der Stellarator unterscheidet sich vom bekannteren Tokamak-Konzept, das etwa beim internationalen Großprojekt ITER verfolgt wird. Sein Vorteil: Er kann prinzipiell im Dauerbetrieb laufen, was ihn für ein Kraftwerk attraktiv macht.

Reaktoren für Bayern

Konkret werden die Pläne bereits. In Garching bei München, direkt neben dem Max-Planck-Institut, will Proxima einen Demonstrationsreaktor mit dem Namen „Alpha" errichten. Er soll bis Anfang der 2030er Jahre entstehen und allein mit rund zwei Milliarden Euro veranschlagt. Der erste Magnet dafür soll bereits Ende nächsten Jahres fertig sein.

Für den späteren, kommerziellen Reaktor hat sich das Unternehmen laut Tagesspiegel einen symbolträchtigen Standort ausgesucht: Gundremmingen, wo bis vor wenigen Jahren ein Kernkraftwerk stand. Dort soll bis Ende der 2030er Jahre ein Fusionskraftwerk in Betrieb gehen. Auch der Freistaat Bayern beteiligt sich und stellt eine Förderung von bis zu 400 Millionen Euro in Aussicht.

Vorsicht bleibt geboten

Bei aller Euphorie: Die Kernfusion hat ihre kommerzielle Tauglichkeit noch nicht bewiesen. Über Jahrzehnte galt der Durchbruch stets als „30 Jahre entfernt". Zuletzt aber häuften sich weltweit Fortschritte, und privates Kapital strömt in die Branche.

Ob Proxima seinen ehrgeizigen Zeitplan hält, wird sich zeigen. Klar ist: Mit 411 Millionen Euro frischem Geld und prominenten Partnern gehört das Münchner Start-up nun zu den ernstzunehmendsten Kandidaten im weltweiten Rennen um das erste kommerzielle Fusionskraftwerk.