Gute Noten sind eine gute Nachricht, sollte man meinen. Doch ausgerechnet die immer besseren Abiturnoten bereiten Fachleuten Sorgen. Der Deutsche Lehrerverband warnt: Wenn fast alle glänzen, sagt die Note am Ende kaum noch etwas aus.

„Bestnotenflut" mit Folgen

Heinz-Peter Meidinger, Ehrenpräsident des Deutschen Lehrerverbands, spricht von einer regelrechten „Bestnotenflut". Die Folge sei eine „massive Entwertung des Abiturs", wie er dem Tagesspiegel sagte. Wenn Spitzennoten zur Regel werden, gehen die wirklich herausragenden Schülerinnen und Schüler in der Masse unter.

Das hat handfeste Konsequenzen, gerade bei stark nachgefragten Studienfächern. „Schon jetzt reicht selbst ein bayerisches 1,0-Abitur nicht mehr aus, um über die Leistungsschiene sicher einen Medizinstudienplatz zu ergattern", warnt Meidinger. Wo die Bestnote inflationär vergeben wird, verliert sie ihren Wert als Eintrittskarte.

Wettlauf zwischen den Ländern

Als Ursache sieht Meidinger einen Wettlauf zwischen den Bundesländern. Weil Bildung Ländersache ist, entwickeln sich Anforderungen und Bewertungsmaßstäbe auseinander. Wer großzügiger benotet, kann bessere Durchschnitte vorweisen, und setzt damit andere unter Druck, nachzuziehen. Am Ende profitiert niemand: Die Schülerinnen und Schüler werden dadurch nicht besser, nur die Zahlen schöner.

Neu ist die Debatte nicht. Bereits vor über einem Jahrzehnt hatte Meidinger vor einer schleichenden Noteninflation gewarnt. Seither, so seine Kritik, habe sich das Grundproblem eher verschärft als entspannt.

Ruf nach einem einheitlichen Abitur

Meidingers Lösungsvorschlag ist so naheliegend wie umstritten: ein bundesweit vergleichbares Abitur mit gleichen Aufgabenstellungen und einheitlichen Bewertungskriterien. Nur so lasse sich der Noten-Wettlauf zwischen den Ländern stoppen und die Vergleichbarkeit wiederherstellen.

Der Weg dorthin ist allerdings steinig. Die Hoheit über die Schulen liegt bei den Ländern, die ihre Zuständigkeit traditionell verteidigen. Zwar gibt es bereits gemeinsame Aufgabenpools, aus denen sich die Länder in zentralen Fächern bedienen können. Ein wirklich einheitliches, vergleichbares Abitur für ganz Deutschland aber bleibt vorerst ein fernes Ziel, so berechtigt die Kritik an der Bestnotenflut auch sein mag.