Es ist eine der berühmtesten Episoden der Antike: Im Jahr 218 vor Christus zog Hannibal, Feldherr Karthagos, mit einem großen Heer und Dutzenden Kriegselefanten über die Alpen, um das Römische Reich im Zweiten Punischen Krieg von Norden her anzugreifen. Nur eines weiß bis heute niemand genau: Welchen Weg nahm er über das Gebirge?

Ein Rätsel seit 2000 Jahren

Die antiken Berichte, vor allem die der Historiker Polybios und Livius, beschreiben den Marsch dramatisch, benennen den genauen Pass aber nicht eindeutig. Archäologische Spuren aus jener Zeit fehlen weitgehend. So diskutieren Fachleute seit Langem mehrere Kandidaten, unter ihnen der Col du Clapier und der besonders hoch gelegene Col de la Traversette.

Die Schwierigkeit: Eine über zwei Jahrtausende alte Route liegt unter Geröll, Vegetation und dem Wandel der Landschaft verborgen. Und ein Heer mit Elefanten stellte besondere Ansprüche, denn die Tiere brauchten enorme Mengen Futter und kamen mit Kälte schlecht zurecht.

Der Umweg über die Physik

Ein Forschungsteam wählte deshalb einen unkonventionellen Ansatz, über den Spektrum der Wissenschaft berichtet: Statt nach Fundstücken zu suchen, berechneten die Wissenschaftler den Energieaufwand. Sie modellierten, wie viel Kraft Elefanten für die verschiedenen Routen hätten aufbringen müssen, und welcher Weg am wenigsten Energie verschlungen hätte.

Das überraschende Ergebnis: Ausgerechnet der hohe Col de la Traversette schnitt günstig ab. Zwar liegt er auf großer Höhe, doch seine gleichmäßigeren Steigungen sind für schwere Tiere schonender als kurze, steile Anstiege an vermeintlich leichteren Pässen.

Ein Fund, der dazu passt

Gestützt wird diese These durch einen Hinweis, den Forscher bereits vor einigen Jahren am Col de la Traversette entdeckten: Ablagerungen, die auf große Mengen Tierdung aus der fraglichen Zeit hindeuten, wie wissenschaft.de schildert. Das legt nahe, dass hier tatsächlich viele große Tiere durchgezogen sind, möglicherweise Hannibals Elefanten.

Ein endgültiger Beweis ist das nicht. Aber die Kombination aus nüchterner Berechnung und archäologischem Indiz macht den Col de la Traversette derzeit zur überzeugendsten Antwort auf eine sehr alte Frage.

Warum uns das noch bewegt

Dass ein militärischer Gewaltmarsch aus der Antike Forschende bis heute umtreibt, hat einen Reiz weit über die Geschichtsschreibung hinaus. Er zeigt, wie moderne Methoden aus Biologie, Physik und Archäologie zusammenspielen können, um selbst uralte Rätsel neu zu beleuchten, nicht mit dem Spaten allein, sondern mit dem klugen Blick auf das, was für lebende Tiere überhaupt zu leisten war.