Ist das noch Schauspiel oder schon Software? Diese Frage stellt sich die Filmwelt gerade neu. Denn die digitale Kunstfigur Tilly Norwood, komplett von künstlicher Intelligenz erzeugt, soll erstmals die Hauptrolle in einem Kinofilm übernehmen.
Ein Film namens „Misaligned"
Hinter Tilly Norwood steht die niederländische Künstlerin und Produzentin Eline Van der Velden mit ihrem Studio Particle 6. Nachdem die Figur schon 2025 für Aufsehen und Empörung gesorgt hatte, folgt nun der nächste Schritt: der Spielfilm „Misaligned", wie Variety berichtet.
Beschrieben wird das Projekt als Coming-of-Age-Geschichte mit komödiantischen und existenziellen Zügen. Es spielt im „Tillyverse", einer surrealen digitalen Welt, in der Tilly als KI-Wesen ohne echten Körper, ohne Kindheit und ohne eigene Lebenserfahrung existiert, dafür aber Zugriff auf die Erfahrungen aller anderen hat. Produziert werde der Film als „Hybrid": Regie, Drehbuch und Schnitt sollen von menschlichen Fachleuten stammen, die mit KI-Spezialisten zusammenarbeiten, so Deadline.
Scharfer Widerstand aus der Branche
Die Ankündigung trifft auf entschiedenen Protest. Schon bei ihrem ersten Auftritt hatte die US-Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA klargestellt: Tilly Norwood sei kein Schauspieler, sondern ein Computerprogramm, das auf den Werken echter Darsteller trainiert wurde, ohne deren Erlaubnis und ohne Vergütung. Die Figur habe „keine Lebenserfahrung, aus der sie schöpfen könnte, keine Emotion".
Auch die britische Gewerkschaft Equity sieht in Tilly ein „KI-Werkzeug, keinen Performer". Zahlreiche Schauspielerinnen und Schauspieler hatten sich bereits zuvor empört gezeigt. Ihre Sorge: Wenn Studios auf günstige, rechtlich anspruchslose KI-Figuren setzen, könnten menschliche Darsteller verdrängt werden, und die Trainingsdaten dafür stammen aus ihrer eigenen Arbeit.
Werkzeug oder Ersatz?
Van der Velden verteidigt ihr Projekt. Sie sehe KI nicht als Ersatz für Menschen, sondern als neues Ausdrucksmittel, vergleichbar mit Animation oder Computergrafik, die das Handwerk der Filmkunst erweitert, statt es abzuschaffen. Auch „Misaligned" erfordere viel menschliches Können und Urteilsvermögen.
Der Streit berührt einen wunden Punkt: Nach den großen Streiks in Hollywood 2023 hatten die Gewerkschaften erste Schutzregeln gegen den ungenehmigten Einsatz von KI erkämpft. Doch die Technik entwickelt sich schneller, als Verträge und Gesetze hinterherkommen. Tilly Norwood ist damit mehr als eine kuriose Figur, sie ist ein Testfall dafür, wie viel Menschlichkeit das Kino der Zukunft noch braucht, und wer am Ende dafür bezahlt wird.



