Es klingt nach einer einfachen Rechnung: Wer sich strenger krankschreiben lassen muss, meldet sich seltener krank – und die Fehlzeiten sinken. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält diese Rechnung für zu einfach. Sie könnte, so die Warnung, sogar nach hinten losgehen.
Was die Koalition plant
Union und SPD haben im Zuge ihres Reformpakets zwei Verschärfungen bei der Krankschreibung vereinbart. Künftig soll eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag nötig sein – bisher genügt in vielen Fällen ein Attest ab dem dritten Tag. Zudem soll die telefonische Krankschreibung, die in der Pandemie eingeführt und später verstetigt wurde, abgeschafft werden. Ziel ist es, mutmaßlichen Missbrauch einzudämmen und die hohen Fehlzeiten zu senken.
Der Einwand des DIW
Der DIW-Ökonom Daniel Graeber bezweifelt, dass das gelingt. Sein Kernargument dreht die Logik um: Wer mit einem leichten Infekt keine unkomplizierte Krankschreibung mehr bekommt, steht vor der Wahl, entweder für einen kurzen Schnupfen eine Praxis aufzusuchen – oder krank zur Arbeit zu gehen. „Sollte dies dazu führen, dass Menschen trotz leichter Infekte an den Arbeitsplatz gehen, könnten Ansteckungen am Arbeitsplatz am Ende zu mehr Fehltagen führen", warnt Graeber.
Dieses Phänomen – trotz Krankheit zur Arbeit zu erscheinen – ist in der Arbeitsforschung als „Präsentismus" bekannt. Statt einzelner Ausfälle drohen dann Ansteckungsketten im Team, die am Ende mehr Menschen und mehr Tage kosten könnten, als die Reform einspart.
Kleiner Hebel, große Wirkung?
Bemerkenswert ist, wie klein der eigentliche Ansatzpunkt der Reform ist. Telefon- und Videokrankschreibungen machen nach den im Bericht genannten Zahlen nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aus. Der große Kostenblock liegt ganz woanders: Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen verursachten 2024 rund 40 Prozent aller Fehltage – also gerade nicht die kurzen Infekte, um die es bei der Telefonkrankschreibung geht.
Auch die Bevölkerung ist skeptisch
Rückhalt findet die Reform auch in Umfragen nicht. Einer YouGov-Erhebung zufolge lehnen 59 Prozent der Befragten die Attestpflicht ab dem ersten Tag ab, 58 Prozent sind gegen die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Viele Beschäftigte fürchten volle Wartezimmer und zusätzlichen Aufwand für Bagatellerkrankungen.
Ein Ziel, ein Zweifel
Das Grundanliegen der Koalition – weniger unbegründete Fehltage – ist unstrittig. Der Einwand des DIW zielt aber auf die Zielgenauigkeit: Womöglich trifft die Reform nicht die eigentlichen Treiber der Fehlzeiten, sondern verschiebt das Problem nur – von vermiedenen Arztterminen hin zu kranken Beschäftigten im Büro. Ob die neuen Regeln die Fehlzeiten wirklich senken oder am Ende erhöhen, wird sich erst in der Praxis zeigen.



