Es ist eine düstere Prognose von einem, der die deutsche Außenpolitik über Jahre geprägt hat: Der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) glaubt nicht mehr an den Fortbestand der NATO in ihrer heutigen Form. Seine Warnung fällt in eine heikle Woche – kurz vor dem Gipfeltreffen des Bündnisses in Ankara.
„Auf dem Weg nach draußen"
Im Gespräch mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe wählte Fischer deutliche Worte. „Die Amerikaner sind faktisch auf dem Weg nach draußen", sagte er. Und weiter: „Ich glaube nicht, dass die Nato auf die Dauer so überleben wird." Auf den amerikanischen Atomschutzschirm, jahrzehntelang das Rückgrat europäischer Sicherheit, würde er sich „nicht mehr verlassen".
Fischers Einschätzung richtet sich an der Politik von US-Präsident Donald Trump aus, der wiederholt Druck auf die europäischen Verbündeten ausgeübt und deren Verteidigungsausgaben kritisiert hat. Wichtig zur Einordnung: Es handelt sich um Fischers persönliche Analyse, nicht um eine offizielle Position der Bundesregierung.
Ein europäischer Schutzschirm
Statt weiter auf Washington zu setzen, fordert Fischer, dass der europäische Teil der Allianz zusammenbleibt – notfalls ohne die USA. Konkret schwebt ihm ein atomarer Schutzschirm auf Basis der Kernwaffen Frankreichs und Großbritanniens vor. Das hieße freilich, dass am Ende Paris oder London über den Einsatz entscheiden würden – ein tiefgreifender, politisch heikler Schritt, der eine engere militärische Integration Europas voraussetzt.
Kritik an der eigenen Seite
Auch mit den europäischen Regierungen geht Fischer hart ins Gericht. Die Staats- und Regierungschefs und der NATO-Generalsekretär näherten sich Trump „auf breiter Schleimspur", um das Bündnis zusammenzuhalten. Diese Taktik hält Fischer zwar für nachvollziehbar, aber nicht für erfolgversprechend.
Der größere Zusammenhang
Fischers Warnung trifft einen wunden Punkt. Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus wächst in Europa die Sorge, ob die USA ein verlässlicher Sicherheitsgarant bleiben. Zugleich hat der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine gezeigt, wie sehr der Kontinent auf glaubwürdige Verteidigung angewiesen ist. Der bevorstehende Gipfel in Ankara – bei dem es unter anderem um ein großes Hilfspaket für die Ukraine geht – wird auch daran gemessen werden, ob die Europäer bereit sind, mehr Verantwortung für ihre eigene Sicherheit zu übernehmen. Fischers Botschaft jedenfalls ist unmissverständlich: Verlasst euch nicht darauf, dass Amerika bleibt.



