Mit 40 aufhören zu arbeiten statt mit 67: Das ist das Versprechen einer Bewegung, die aus den USA nach Deutschland geschwappt ist. FIRE steht für „Financial Independence, Retire Early", also finanzielle Unabhängigkeit bei frühem Ruhestand. Der Weg dorthin ist so einfach wie hart: radikal sparen und clever anlegen.
Die Rechnung hinter dem Traum
Im Zentrum steht eine Faustregel, die sogenannte Vier-Prozent-Regel. Sie besagt, dass man dauerhaft rund vier Prozent seines angesparten Vermögens pro Jahr entnehmen kann, ohne dass es aufgebraucht wird. Umgekehrt heißt das: Wer jährlich 40.000 Euro zum Leben braucht, benötigt ein Vermögen von etwa dem 25-Fachen, also einer Million Euro.
Um dorthin zu kommen, setzen FIRE-Anhänger auf sehr hohe Sparquoten, oft 40 bis 70 Prozent des Einkommens. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Sparquote in Deutschland liegt seit Jahren nur bei rund zehn Prozent. Angelegt wird das Ersparte meist in breit gestreuten Aktien-Indexfonds, sogenannten ETF-Sparplänen, die vom Zinseszinseffekt über lange Zeiträume profitieren, wie unter anderem extraETF erläutert.
Warum es in Deutschland schwieriger ist
So verlockend die Idee klingt, in der Praxis gibt es Hürden. Auf Kapitalerträge fällt in Deutschland die Abgeltungsteuer von 25 Prozent an, mit Solidaritätszuschlag rund 26,4 Prozent. Wer früh aus dem Beruf aussteigt, muss sich außerdem selbst um die Krankenversicherung kümmern, was je nach Status monatlich mehrere Hundert Euro kosten kann. Solche Fixkosten schmälern die Rechnung erheblich.
Chancen und Risiken
Unbestritten ist: FIRE erzieht zu einem bewussten Umgang mit Geld und baut finanzielle Sicherheit auf. Wer diszipliniert spart und investiert, steht später freier da als jemand, der nichts zurücklegt.
Doch es gibt berechtigte Kritik. Die Vier-Prozent-Regel stammt aus US-amerikanischen Langzeitdaten und bildet deutsche Steuern, Gebühren und Inflation nur unzureichend ab. Wer mit 40 aufhört, muss sein Vermögen zudem über eine viel längere Zeit strecken als jemand, der bis 67 arbeitet, ein einziger langer Börsen-Crash zur falschen Zeit kann die Pläne durchkreuzen. Und nicht zuletzt ist ein Leben mit extremer Sparquote für viele schlicht kein erstrebenswerter Dauerzustand.
Kein Wundermittel, aber ein Werkzeug
Der Millionärstraum durch Sparen ist also weniger Zauberformel als konsequente Mathematik, verbunden mit Verzicht und einem langen Atem. Für die meisten wird die vollständige Frührente unrealistisch bleiben. Als Ansporn, früh mit dem Sparen und Anlegen zu beginnen, hat die Bewegung aber durchaus ihren Wert, ganz ohne das Ziel, mit 40 nie wieder zu arbeiten.



