Wer schon einmal einen Marathon gelaufen ist, kennt den Moment, den Läufer den „Mann mit dem Hammer" nennen: Meist irgendwo jenseits von Kilometer 30 werden die Beine bleischwer, das Tempo bricht ein, jeder Schritt wird zur Qual. Auffällig ist: Männer erwischt es dabei im Durchschnitt häufiger als Frauen.

Der Einbruch und seine Ursache

„Einbrechen" oder im Englischen „hitting the wall" beschreibt einen plötzlichen, deutlichen Tempoverlust in der zweiten Rennhälfte. Dahinter steckt vor allem ein Stoffwechselproblem: Die Kohlenhydratspeicher der Muskeln, das Glykogen, sind erschöpft. Der Körper muss dann verstärkt auf die langsamere Energiegewinnung aus Fett umschalten – und die reicht für ein hohes Tempo nicht aus. Große Auswertungen von Marathondaten zeigen, dass dieser Einbruch bei Männern im Mittel häufiger und heftiger ausfällt.

Frauen laufen gleichmäßiger

Der wichtigste Unterschied liegt in der Renneinteilung, dem sogenannten Pacing. Untersuchungen zum Laufverhalten von Frauen und Männern zeigen, dass Frauen ihr Tempo über die gesamte Distanz gleichmäßiger halten. Männer dagegen starten im Schnitt zu schnell, oft getrieben von einem konkreten Zeitziel – und zahlen dafür auf den letzten Kilometern die Rechnung. Wer die erste Hälfte zu forsch angeht, verbrennt sein Glykogen schneller und steht am Ende mit leeren Speichern da.

Was dahinterstecken könnte

Neben dem Pacing werden auch körperliche Unterschiede diskutiert. So gilt als gut belegt, dass Frauen bei gleichem Tempo einen etwas höheren Anteil ihrer Energie aus Fett gewinnen und dadurch ihre begrenzten Kohlenhydratvorräte schonen. Auch Unterschiede in der Muskelzusammensetzung – im Mittel etwas mehr ausdauerorientierte Fasern bei Frauen – werden als Erklärung herangezogen. Sicher ist: Es handelt sich um Durchschnitte und Tendenzen, nicht um Naturgesetze. Es gibt viele Männer mit perfekter Renneinteilung und Frauen, die ebenfalls einbrechen.

Die Lehre für alle Läufer

Aus den Befunden lässt sich eine einfache Faustregel ableiten, von der beide Geschlechter profitieren: lieber verhalten starten und das Tempo bis zum Schluss steigern, statt früh zu viel zu riskieren. Fachleute sprechen von „negativen Splits", wenn die zweite Hälfte schneller gelaufen wird als die erste. Was viele Frauen offenbar eher intuitiv richtig machen, kann jeder trainieren: Geduld auf den ersten Kilometern – und die Kraft für den entscheidenden Schlussabschnitt aufsparen. Denn am Ende entscheidet nicht, wer am schnellsten losläuft, sondern wer am wenigsten langsamer wird.