Für viele Jugendliche endet der Streit auf dem Schulhof längst nicht mehr am Schultor. Er wandert mit ins Kinderzimmer – über Gruppenchats, geteilte Fotos und anonyme Kommentare, die rund um die Uhr aufpoppen. Ein Bündnis von Vereinen, Krankenkassen und Medienpädagogen warnt seit Jahren vor dem Ausmaß dieser digitalen Gewalt und fordert von Politik und Schulen ein entschlosseneres Vorgehen.
Ein Fünftel der Schüler hat es schon erlebt
Wie verbreitet Cybermobbing tatsächlich ist, zeigt die Studie „Cyberlife IV“, die das Bündnis gegen Cybermobbing gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse vorgelegt hat. Demnach wurden 16,7 Prozent der Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen acht und 21 Jahren bereits Opfer von Cybermobbing – das entspricht rechnerisch mehr als 1,8 Millionen jungen Menschen. Gegenüber der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2020 (damals 17,3 Prozent) hat sich diese Quote kaum verändert und verharrt damit auf hohem Niveau.
Auffällig ist vor allem die Wahrnehmung der Betroffenen selbst: Rund 65 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, dass Cybermobbing seit der Corona-Pandemie zugenommen habe. Bei Eltern und Lehrkräften teilten diese Einschätzung 46 Prozent. Für die Untersuchung waren mehr als 3.000 Schüler, gut 1.000 Eltern und über 350 Lehrkräfte befragt worden.
Die Folgen reichen bis zu Suizidgedanken
Cybermobbing ist keine harmlose Kabbelei. Nach den Ergebnissen der Cyberlife-Studie fühlen sich 58 Prozent der Betroffenen vor allem verletzt. Gravierender noch: Fast jedes vierte Opfer äußerte Suizidgedanken, und jeder bzw. jede Sechste hat aufgrund der Erlebnisse schon zu Alkohol, Tabletten oder anderen Drogen gegriffen. Depressionen, Ängste und selbstverletzendes Verhalten zählen zu den häufig genannten Langzeitfolgen.
Was Cybermobbing von klassischem Mobbing unterscheidet, ist die fehlende Atempause. Weil das Smartphone immer dabei ist, verfolgen Beleidigungen und bloßstellende Bilder die Betroffenen bis ins Bett – ein Rückzugsort existiert praktisch nicht mehr. Zugleich verbreiten sich Inhalte im Netz schnell und lassen sich nur schwer wieder vollständig entfernen.
Was das Bündnis fordert
Das Bündnis gegen Cybermobbing e.V. mit Sitz in Karlsruhe drängt seit Langem auf mehr Prävention statt bloßer Reaktion. Gefordert werden fest verankerte Präventionsprogramme an Schulen, mehr niedrigschwellige und anonyme Beratungsangebote sowie eine stärkere Verantwortung der Plattformbetreiber beim Löschen und Melden.
In der öffentlichen Debatte wird dabei immer wieder die Idee eines „Internet-Führerscheins" laut: Kinder sollen früh und systematisch lernen, sich sicher, respektvoll und verantwortungsvoll im Netz zu bewegen – so, wie sie den Umgang mit dem Straßenverkehr üben. Ob ein solcher Führerschein verpflichtend kommt, ist offen; der gemeinsame Kern der Forderungen ist jedoch eindeutig: deutlich mehr Medienkompetenz-Bildung, und zwar verbindlich im Schulalltag.
Wohin sich Betroffene wenden können
Für Kinder und Jugendliche gibt es mehrere Anlaufstellen. Die Nummer gegen Kummer bietet kostenlose und anonyme Beratung am Telefon; die EU-Initiative klicksafe stellt Aufklärungsmaterial für Schüler, Eltern und Lehrkräfte bereit. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik informiert zusätzlich über rechtliche Wege für Betroffene.
Fachleute raten Betroffenen zu einem klaren Vorgehen: nicht auf Provokationen antworten, aber Beweise sichern, etwa durch Screenshots. Beleidigende oder bloßstellende Inhalte sollten direkt bei der jeweiligen Plattform gemeldet und ihre Löschung verlangt werden. In ernsten Fällen – etwa bei Bedrohungen, Nötigung oder der Verbreitung intimer Aufnahmen – kann eine Anzeige bei der Polizei sinnvoll sein. Eltern sollten das Gespräch suchen, ohne das Handy vorschnell zu verbieten, und Schulen im Verdachtsfall einbeziehen.
Am Ende, darin sind sich die beteiligten Organisationen einig, lässt sich Cybermobbing nicht allein durch Löschtasten und Anzeigen zurückdrängen. Nötig sei ein Zusammenspiel aus Aufklärung, verlässlicher Beratung und einem Umfeld, in dem Betroffene sich trauen, früh über das zu sprechen, was ihnen im Netz widerfährt.



