Während in Deutschland die Kernkraft Geschichte ist, treibt eine junge Branche in den USA eine neue Generation sehr kleiner Reaktoren voran. Jüngstes Beispiel: Das Startup Valar Atomics hat seinen Versuchsreaktor Ward 250 erstmals „kritisch" gefahren – ein Fachbegriff, der einen wichtigen Meilenstein markiert, aber leicht misszuverstehen ist.
Was „kritisch" bedeutet
„Kritisch" klingt nach Gefahr, meint in der Reaktortechnik aber etwas Nüchternes: den Punkt, an dem eine nukleare Kettenreaktion sich gerade selbst trägt. Aus jeder Kernspaltung geht im Mittel genau eine weitere hervor, die Reaktion läuft stabil weiter, ohne sich aufzuschaukeln. Erst dieser Zustand macht aus einem Bündel Brennstoff einen funktionierenden Reaktor. Ward 250 erreichte ihn nach Angaben des US-Energieministeriums am 18. Juni in einem Labor in Emery County im US-Bundesstaat Utah – zunächst als reine Null-Leistungs-Demonstration bei rund 100 Kilowatt thermischer Leistung, also weit unterhalb dessen, was ein Kraftwerk später liefern soll.
Ein winziger Reaktor mit großem Anspruch
Ward 250 gehört zur Familie der Hochtemperatur-Gasreaktoren der sogenannten vierten Generation. Statt Wasser nutzt der Reaktor Helium zur Kühlung, Graphit als Moderator und TRISO-Brennstoff – winzige, mit mehreren Schichten ummantelte Brennstoffkügelchen, die hohe Temperaturen aushalten und als besonders robust gelten. Das erklärte Fernziel des Unternehmens ist ein Kraftwerk in der Größenordnung einiger Megawatt elektrischer Leistung. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg: Die jetzige Kritikalität ist ein Test, kein kommerzieller Betrieb.
Teil eines staatlichen Wettlaufs
Der Erfolg steht nicht allein. Ward 250 ist der zweite Reaktor, der im Rahmen eines Pilotprogramms des US-Energieministeriums kritisch wurde – und der erste daraus, der außerhalb eines nationalen Forschungslabors gebaut und betrieben wird. Das Programm geht auf eine Anweisung der US-Regierung aus dem Jahr 2025 zurück, mehrere fortschrittliche Reaktoren zügig zur Kritikalität zu bringen. Den Anfang hatte Anfang Juni das Unternehmen Antares Nuclear mit einem Reaktor am Idaho National Laboratory gemacht.
Einordnung
Die Meldung ist ein Beleg dafür, wie sehr die USA derzeit auf kleine, modulare Reaktoren setzen – getrieben auch vom wachsenden Strombedarf von Rechenzentren. Für die Technik spricht die kompakte Bauform; offen bleiben, wie bei jedem neuen Reaktortyp, die Fragen nach Wirtschaftlichkeit, Brennstoffversorgung und Entsorgung. Ein einzelner kritischer Testreaktor ist noch kein Kraftwerk am Netz. Er zeigt aber, dass die lange als träge geltende Reaktorentwicklung wieder Tempo aufnimmt – in einem Land, das anders als Deutschland weiter auf die Kernspaltung baut.



