Wenn ein Gegenwartskünstler Hand an ein über 800 Jahre altes Bauwerk legt, ist Streit fast garantiert. Im Naumburger Dom hat sich nun einer der bekanntesten deutschen Künstler dieser Aufgabe gestellt.
Vier Fenster für den Ostchor
Der Maler und Bildhauer Markus Lüpertz hat für den Ostchor des Naumburger Doms neue Fenster gestaltet – zwei große und zwei kleinere Verglasungen. Einige Fenster des Chors waren über die Jahrhunderte verloren gegangen und zuletzt nur noch durch schlichtes Klarglas geschlossen. Diese Lücken füllt nun zeitgenössische Kunst. Inhaltlich kreisen die Entwürfe um zwei große christliche Themen: Erlösung und Verdammnis.
Wer Markus Lüpertz ist
Lüpertz, 1941 geboren, zählt zu den prägenden Figuren der deutschen Nachkriegskunst. Bekannt wurde er mit kraftvoller, oft archaisch wirkender Malerei und Skulptur; über viele Jahre leitete er die renommierte Kunstakademie Düsseldorf. Kirchenfenster sind für ihn kein Neuland – er hat bereits andere Sakralräume mit seinen Entwürfen ausgestattet. Für die handwerkliche Umsetzung solcher Glaskunst sind spezialisierte Werkstätten zuständig.
Ein Dom unter besonderem Schutz
Die Aufgabe ist heikel, denn der Naumburger Dom ist seit 2018 UNESCO-Welterbe. Weltberühmt sind seine mittelalterlichen Stifterfiguren, allen voran die Uta von Naumburg. In einem solchen Raum wirkt jeder Eingriff besonders schwer. Schon in der Vergangenheit sorgten Pläne für moderne Kunst im Dom für Diskussionen über die Frage, ob Gegenwart das historische Ensemble bereichert oder stört.
Der bewusste Kontrast
Die Verantwortlichen verstehen den Schritt nicht als Bruch, sondern als Dialog: Es habe Tradition, zeitgenössische Kunst in das Bauwerk zu integrieren und es so lebendig zu halten. Der Reiz liegt gerade im Kontrast – die strenge gotische Architektur auf der einen, die expressive Bildsprache der Moderne auf der anderen Seite. Ob dieser Dialog gelingt, entscheidet am Ende das Licht, das durch die neuen Fenster in den alten Chor fällt. Genau darin liegt die Probe: Große Kunst muss sich in einem so bedeutenden Raum behaupten, ohne ihn zu übertönen.



