Für Säuglinge ist Stillen das Selbstverständlichste der Welt, für viele Mütter im öffentlichen Raum ist es das nicht. Wer im Café, im Bus oder im Park ein Kind anlegt, erntet mitunter schräge Blicke, gut gemeinte Ratschläge oder sogar die Aufforderung, das doch woanders zu tun. Eine Initiative wirbt nun für mehr Gelassenheit und wendet sich gegen die Sexualisierung stillender Frauen.

Ein alltäglicher Vorgang, ein unnötiges Tabu

Der Ausgangspunkt ist einfach: Stillen ist Nahrungsaufnahme, keine Provokation, wie die taz in einer Auseinandersetzung mit dem Thema betont. Trotzdem wird der weibliche Körper, sobald er in der Öffentlichkeit seine natürlichste Funktion erfüllt, schnell zum Politikum.

Die Initiative macht darauf mit Bildern und Aktionen aufmerksam, die stillende Mütter an ganz gewöhnlichen Orten zeigen. Die Botschaft dahinter: Was Millionen Frauen täglich tun, muss nicht versteckt werden. Je selbstverständlicher das Bild einer stillenden Mutter im Alltag ist, desto weniger Anlass gibt es für Scham oder Sondierung.

Was Mütter erleben

Viele Frauen berichten von einem Zwiespalt. Einerseits gilt Stillen als gesund und wird ausdrücklich empfohlen, andererseits sollen sie es möglichst unsichtbar tun. Manche erleben abschätzige Kommentare, andere werden ungefragt fotografiert oder fühlen sich gedrängt, sich zu bedecken oder den Ort zu wechseln.

Dahinter steckt ein Widerspruch, den die Initiative benennt: Freizügige Darstellungen des weiblichen Körpers in Werbung und Medien sind gesellschaftlich weithin akzeptiert, das Stillen als nüchterne, fürsorgliche Handlung dagegen oft nicht. Genau diese Schieflage wollen die Aktiven ins Bewusstsein rücken.

Was Fachleute raten

Der gesundheitliche Wert des Stillens ist gut belegt. Fachgesellschaften und die Weltgesundheitsorganisation empfehlen, Säuglinge in den ersten Monaten möglichst zu stillen, weil Muttermilch das Kind vor Infektionen schützt und seine Entwicklung unterstützt. Damit das gelingt, müssen Mütter unterwegs stillen können, ohne sich rechtfertigen zu müssen.

Die Politik diskutiert mit

Auch rechtlich ist die Lage nicht eindeutig. In Deutschland gibt es kein ausdrückliches Gesetz, das das Stillen in der Öffentlichkeit regelt; im Zweifel kann das Hausrecht eines Betreibers eine Rolle spielen. Die nordrhein-westfälische Familienministerin Josefine Paul plädiert deshalb für eine klare gesetzliche Klarstellung, wie die Legal Tribune Online berichtet. Eine solche Regelung, so das Argument, würde Müttern den Rücken stärken und deutlich machen, dass Stillen erwünscht und normal ist.

Am Ende geht es weniger um Paragrafen als um Haltung. Wer eine Mutter beim Stillen sieht, muss nicht wegschauen und schon gar nicht die Nase rümpfen. Ein wenig Selbstverständlichkeit würde genügen, damit aus einem alltäglichen Vorgang kein Politikum mehr wird.