„Super-El Niño im Anmarsch" – solche Schlagzeilen begleiten die aktuelle Hitzewelle. Doch was steckt wirklich dahinter, und wie viel hat das Pazifikphänomen mit den Temperaturrekorden in Deutschland zu tun? Ein nüchterner Blick.
Was ist El Niño?
Normalerweise schieben starke Passatwinde warmes Oberflächenwasser im tropischen Pazifik nach Westen. Bei El Niño – spanisch für „das Christkind", weil peruanische Fischer das Phänomen traditionell um Weihnachten bemerkten – schwächen sich diese Winde ab, und das Meer im zentralen und östlichen Pazifik erwärmt sich ungewöhnlich stark. Das tritt unregelmäßig alle zwei bis sieben Jahre auf und verschiebt weltweit Niederschlags- und Temperaturmuster. Auf die globale Mitteltemperatur wirkt ein starkes Ereignis wie ein kurzzeitiger Verstärker.
Aktuelle Lage: stark, aber nicht garantiert
Nach Angaben des US-Wetterdienstes NOAA sind seit dem Frühjahr 2026 wieder El-Niño-Bedingungen aktiv. Die Modelle halten eine weitere Verstärkung bis zum Winter 2026/27 für wahrscheinlich – mit erheblicher, aber nicht gesicherter Chance, dass daraus eines der stärksten Ereignisse seit Jahrzehnten wird. Wichtig: Der Begriff „Super-El Niño" ist keine offizielle Kategorie. Fachleute sprechen von „sehr starken" Ereignissen; die letzten gab es 1982/83, 1997/98 und 2015/16. Ob 2026/27 dazugehört, ist Ende Juni noch offen.
Und der Zusammenhang mit Europas Hitze?
Hier ist Vorsicht geboten – denn dieser Punkt wird in Schlagzeilen oft überzeichnet. El Niños stärkste Auswirkungen liegen in den Tropen. Für den europäischen Winter gibt es einen gewissen, über die Nordatlantische Oszillation vermittelten Einfluss. Für den europäischen Sommer dagegen ist ein direkter El-Niño-Effekt gering und wissenschaftlich umstritten. Kein seriöses Modell leitet aus einem El Niño automatisch eine Hitzewelle über Westeuropa ab.
Was El Niño aber tut: Er hebt die globale Basistemperatur leicht an. Alle Wetterereignisse – auch Hitzeperioden in Europa – setzen damit auf einem bereits wärmeren Fundament auf.
Der eigentliche Treiber: der Klimawandel
Den langfristigen Trend dokumentiert der EU-Klimadienst Copernicus nüchtern: Die globale Temperatur liegt inzwischen rund 1,4 Grad über dem vorindustriellen Niveau, die vergangenen Jahre zählen zu den wärmsten seit Beginn der Messungen. Studien zur Zuordnung von Extremwetter zeigen seit Jahren: Der menschengemachte Klimawandel hat europäische Hitzewellen deutlich häufiger und heißer gemacht.
El Niño kommt als verstärkender Faktor hinzu – als Brandbeschleuniger auf bereits heißem Untergrund. Der Brandstifter aber ist und bleibt der Klimawandel. Die Rede vom „Super-El Niño" ist eingängig, als Erklärung für die aktuelle Sommerhitze in Europa aber zu kurz gegriffen.



