Es ist eine der meistdiskutierten drogenpolitischen Geschichten Europas – und sie beginnt mit einer Katastrophe.

Eine Nation im Ausnahmezustand

Ende der 1990er Jahre steckte Portugal tief in einer Drogenkrise. Heroin hatte sich nach den gesellschaftlichen Umbrüchen seit der Nelkenrevolution von 1974 weit verbreitet; Schätzungen zufolge war damals ein nennenswerter Anteil der erwachsenen Bevölkerung abhängig. Die Gefängnisse füllten sich mit Drogendelinquenten, und obwohl Portugal nur rund zwei Prozent der EU-Bevölkerung stellte, entfiel ein überproportional großer Teil der neuen, durch Spritzen übertragenen HIV-Infektionen in der EU auf das kleine Land. Das Gesundheitssystem geriet an seine Grenzen.

Der Kurswechsel von 2001

Im Juli 2001 trat ein Gesetz in Kraft, das die europäische Drogenpolitik prägen sollte. Der Kern: Besitz und Konsum aller illegalen Drogen – von Cannabis bis Heroin – für den Eigengebrauch wurden entkriminalisiert. Wichtig ist, was das nicht bedeutet: Produktion und Handel blieben strafbar. Wer geringe Mengen für den Eigenbedarf bei sich trug, beging fortan keine Straftat mehr, sondern eine Ordnungswidrigkeit.

Statt vor Gericht landeten Betroffene vor sogenannten Kommissionen zur Unterbindung der Drogensucht, in denen Fachleute aus Justiz, Gesundheits- und Sozialwesen sitzen. Sie können Bußgelder verhängen – oder, und das war der eigentliche Reformgedanke, in Beratung und Therapie verweisen. Der Grundsatz: Sucht ist ein Gesundheitsproblem, kein moralisches Versagen.

Zahlen, die überzeugen

Die Entwicklung der folgenden Jahre war bemerkenswert. Laut Auswertungen, die sich auf Daten der EU-Drogenbeobachtungsstelle stützen, ging die Zahl der neuen HIV-Infektionen durch Drogenkonsum drastisch zurück – von über tausend Fällen im Jahr 2001 auf nur noch eine zweistellige Zahl Ende des Jahrzehnts. Auch die drogenbedingten Todesfälle sanken deutlich; Portugal liegt heute weit unter dem EU-Durchschnitt. Der Anteil der Drogenstraftäter an der Gefängnispopulation halbierte sich nahezu.

Entscheidend war dabei nicht die Entkriminalisierung allein. Parallel investierte Portugal massiv in ein öffentliches Hilfssystem: Substitutionstherapien, niedrigschwellige Beratung, Spritzentausch. Erst dieses Zusammenspiel aus Entkriminalisierung und Behandlung gilt unter Fachleuten als Schlüssel zum Erfolg.

Kein abgeschlossenes Erfolgskapitel

Das „portugiesische Modell" ist kein für alle Zeiten gelöstes Problem. Neue Substanzen wie synthetische Opioide und Crack stellen das Hilfssystem vor frische Herausforderungen, und Suchtexperten fordern weitere Ausbaustufen.

Für die europäische Debatte bleibt Portugal dennoch ein Referenzpunkt. In Deutschland wurde 2024 die kontrollierte Cannabis-Abgabe an Erwachsene eingeführt – auch hier mit dem Argument eines Wechsels hin zu gesundheitspolitischen Ansätzen. Für härtere Drogen aber bleibt die Strafverfolgung in den meisten EU-Staaten die Regel. Zwei Jahrzehnte portugiesischer Erfahrung legen nahe: Wer Abhängige als Patienten behandelt, kann messbar Leben retten.