Es gibt Dinge, für die man sich noch Jahre später schämt: die Blümchentapete, der Teppichboden in der Küche – und die Glasbausteine im Bad. Milchig, grobporig, irgendwie billig. In den 1990ern waren sie überall. Dann verschwanden sie scheinbar über Nacht aus dem guten Geschmack. Doch nun sind sie zurück – und zwar ernst gemeint.
Eine lange Geschichte vor dem Kitsch
Dass Glasbausteine je als billig galten, ist eine Ironie ihrer eigenen Geschichte. Erfunden wurden sie im späten 19. Jahrhundert; der Schweizer Architekt Gustave Falconnier entwickelte in den 1880er-Jahren erste Glaslinsen. In Bauhaus und Art Déco der 1920er- und 1930er-Jahre galten die transluzenten Steine als avantgardistisch – auch Le Corbusier setzte sie ein, um Licht und Privatheit zu verbinden.
Erst die Massenwelle der 1980er- und 1990er-Jahre ruinierte den Ruf: Glasbausteine fluteten Treppenhäuser, Büroflure und Badezimmer, oft ohne gestalterisches Fingerspitzengefühl. Als zudem strengere Energievorgaben die schlechten Dämmwerte der Steine ins Bewusstsein rückten, war das Urteil gesprochen.
Warum sie jetzt wiederkommen
Das Comeback folgt einem größeren Trend: der Rückkehr zur Ästhetik der 1970er und 1980er – geschwungene Formen, warme Töne, lichtdurchlässige Materialien. Glasbausteine passen perfekt dazu. Und sie bieten einen handfesten Vorteil, der im Zeitalter des offenen Grundrisses wieder zählt: Sie trennen Räume, ohne sie zu verschließen. Als halbe Trennwand oder Lichtband leiten sie Tageslicht durch die Wohnung und wahren zugleich den Sichtschutz.
Auch die Produkte haben sich gewandelt: Moderne Fertigung ermöglicht heute Glasbausteine in Pastelltönen, klarem Glas oder mit geriffelter Oberfläche – weit weg vom milchig-beigen Einheitsblock von früher.
Wie es gelingt – und wo die Grenzen liegen
Der Unterschied zwischen gelungenem Comeback und unfreiwilligem Retro liegt im Maß. Fachleute raten zum gezielten Akzent statt zur Flächenwirkung: eine einzelne Wand, ein Fensterband, ein Duschelement. Farbige Varianten in Salbeigrün oder Zartblau harmonieren gut mit Holz, dessen Wärme den kühlen Glascharakter ausgleicht. Im Bad bleibt der Glasbaustein zudem praktisch: wasserfest, pflegeleicht und langlebig.
Ein nüchterner Blick gehört aber dazu. Glasbausteine dämmen schlecht – als Außenwand müssen sie in der Energiebilanz mitbedacht werden. Die Verlegung ist aufwendig, spätere Änderungen sind kaum möglich. Und wer großflächig vorgeht wie in den 80ern, riskiert genau den Eindruck, den er vermeiden wollte. Maßvoll eingesetzt aber sind Glasbausteine das, was man einen gut gealterten Trend nennt: Sie hatten ihren schlechten Moment – und kommen besser zurück, als sie gegangen sind.



