Wer an diesem Tag am Kolosseum stand, erlebte ein ungewöhnliches Bild: keinen einzelnen Roller, der sich durch den römischen Verkehr quetscht, sondern eine surrende, hupende, farbenfrohe Flotte von Vespas, die sich durch die historische Innenstadt wälzte. Anlass war ein runder Geburtstag.

Eine Parade durch die Ewige Stadt

Mehr als sechzig Vespa-Clubs aus aller Welt hatten sich für die Jubiläumsparade angemeldet; allein aus Deutschland reisten nach Veranstalterangaben mehrere Hundert Vespisti an. Die Route führte vorbei an Kolosseum und Kaiserforen – ein passender Bogen, denn die Vespa und Italien sind seit acht Jahrzehnten untrennbar verbunden. Begleitet wurde die Feier von einem mehrtägigen „Vespa Village" im Norden Roms.

Ein Ingenieur, eine Wespe, eine Ikone

Die Geschichte beginnt im Italien des Jahres 1946. Der Piaggio-Konzern, zuvor Hersteller von Flugzeugmotoren, suchte ein erschwingliches Fahrzeug für ein Land, das sich nach dem Krieg neu erfinden musste. Der Auftrag ging an den Luftfahrtingenieur Corradino D'Ascanio, der Motorräder eigentlich ablehnte und deshalb radikal neu dachte: eine selbsttragende Stahlkarosserie statt Rohrrahmen, ein verdeckter Motor, ein flacher Durchstieg. Beim Anblick des Prototyps soll Enrico Piaggio ausgerufen haben: „Sembra una vespa!" – Sie sieht aus wie eine Wespe. Der Name war geboren.

Das Patent wurde im April 1946 angemeldet, die Produktion im toskanischen Pontedera startete mit gerade einmal 13 Exemplaren. Daraus wurde eine Erfolgsgeschichte: Bis 1950 waren über 60.000 Vespas verkauft, 1956 lief die einmillionste vom Band. Insgesamt entstanden bis heute nach Angaben des Herstellers nahezu 20 Millionen Stück – damit zählt die Vespa zu den meistgebauten Fahrzeugen ihrer Art.

La Dolce Vita auf zwei Rädern

Die Vespa war nie nur Transportmittel, sondern Botschafterin einer Lebenshaltung. 1953 fuhr Audrey Hepburn als Prinzessin im Film „Ein Herz und eine Krone" (Roman Holiday) auf einer Vespa durch Rom – Szenen, die heute Filmgeschichte sind und die Wespe weltweit bekannt machten. Federico Fellinis „La Dolce Vita" zementierte das Bild: Die Vespa gehörte zum italienischen Lebensgefühl wie der Espresso zur Bar.

Designtheoretiker schätzen an D'Ascanios Entwurf bis heute seine Konsequenz – Form als Aussage, Mechanik hinter elegant geschwungenem Blech. Acht Jahrzehnte später ist die Vespa noch immer in Produktion, noch immer begehrt und auf den ersten Blick erkennbar. Genau das feierte Rom: einen Klassiker, der nicht ins Museum gehört, sondern auf die Straße.