Es ist eine stille, aber wachsende Bewegung: Nachfahren jüdischer Familien, deren Vorfahren von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben wurden, holen sich die deutsche Staatsangehörigkeit zurück. Was für ihre Großeltern Flucht und Verlust bedeutete, wird für sie zu einer bewussten Rückkehr, wenn auch nur auf dem Papier.

Ein Recht aus dem Grundgesetz

Die rechtliche Grundlage ist Artikel 116 Absatz 2 des Grundgesetzes. Er gibt Menschen, denen zwischen 1933 und 1945 aus politischen, rassistischen oder religiösen Gründen die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen wurde, sowie ihren Nachkommen das Recht auf Wiedereinbürgerung. Eine Reform im Jahr 2021 erweiterte den Kreis der Berechtigten deutlich, sodass nun auch entferntere Nachfahren einen Anspruch haben.

Die Nachfrage steigt spürbar. Nach Angaben des Handelsblatts wurden bundesweit 2022 noch 734 solcher Anträge gestellt, 2024 waren es 1.357 und 2025 bereits 1.771. Viele der Antragstellerinnen und Antragsteller leben in den USA.

Zwischen Erinnerung und Identität

Für viele ist der Schritt vor allem ein Akt der Erinnerung. „Seit ich geboren wurde, habe ich Geschichten über Deutschland gehört, den Verlust und die fehlende Verbindung. Jetzt und heute bin ich wieder damit verbunden", zitiert das Handelsblatt die New Yorkerin Carolyn Oliner.

Andere beschreiben die Spurensuche in Archiven als bewegende Reise in die eigene Familiengeschichte. Für Eugene Wolff war der Prozess „wie eine archäologische Ausgrabung" und zugleich „eine schöne Art, an meinen Großvater zu erinnern". Der Pass wird so zu einem Band zwischen den Generationen.

Ein Pass als Plan B

Doch es geht nicht nur um die Vergangenheit. Der deutsche Pass bedeutet auch die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union und ein Stück Sicherheit. Diese praktische Seite hat an Gewicht gewonnen. Mehrere Antragsteller nennen das angespannte politische Klima in den USA seit der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus als Beweggrund.

„Es ist eine Wiederverbindung mit meinen deutschen Wurzeln", sagt Karen Adler, fügt aber hinzu: „Wir sind nicht begeistert von dem, was in den Vereinigten Staaten vor sich geht." Für sie und andere ist die Einbürgerung auch eine Art Rückversicherung für unsichere Zeiten.

Späte Versöhnung

Dass ausgerechnet das Land, das ihre Familien einst verstieß, heute wieder zur Heimat auf Zeit werden kann, ist eine bemerkenswerte Wendung der Geschichte. Für die Bundesrepublik ist jeder dieser Anträge auch ein Zeichen dafür, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld nicht abgeschlossen ist, sondern in solchen Gesten bis heute weiterlebt.